Die himmlischen Äpfel

 

 

Eine gemütliche Stunde in einem geräumigen Hotelzimmer, ein köstlicher Apfel – und der Antritt einer unverhofften Reise......
Die Mechanik des Himmels und ihre Tücken.


Zu dem einen kommt er unangemeldet; er trifft ihn beim Bade an, im Auto oder in der Luft; einige holt er in jungen Jahren überraschend, andere rafft er nach langer Krankheit aus dem Bett. Manche haben ihn schon lange wie einen Freund an ihrer Seite gefühlt und sind nicht im mindesten überrascht, wenn er ihnen eines Tages die Hand auf die linke Schulter legt. Wieder andere stehen ihm plötzlich gegenüber, während sie, gesegnet mit mehr oder weniger erfreulichen Buhlschaften, auf dem Salzburger Domplatz in Saus und Braus leben.

Aber auch jene, welche darben wie die Kirchenmäuse, schont er nicht.  In gleicher Weise sucht er auch Ministerpräsidenten und Kommerzienräte auf, denen sich ansonsten immer zahlreiche Wege öffnen, oder die Unliebsames zumindest von der Steuer abzusetzen gewohnt sind. 

Die Rede ist, wie der geneigte Leser unschwer erraten hat, von jenem klapprigen Gesellen, der es immer noch nicht gelernt hat, auf Rang, Namen, Alter,  Schönheit, Verdienst, Ge­schlecht, Reichtum oder Nationalität der Menschen zu achten; Gevat­ter höchstpersönlich.  

Maximilian hatte eben das geräumige Zimmer eines gutbürgerlichen Hotels in der Kleinstadt bezogen, wo er diesen Abend an einer Podiumsdiskussion zum Thema Organspende teilnehmen sollte, um später für eine deutsche Fachzeitschrift darüber zu berichten. Bedächtig räumte er seine Kleider in den bereitstehenden Kasten, legte die Toilettesachen in das saubere Bad und setzte sich dann gemütlich an den Tisch. Darauf befand sich, als Aufmerksamkeit der Hotelleitung, eine Glasschüssel mit appetitlichen frischen Äpfeln. Eine solche Frucht würde er jetzt genüßlich verzehren, bevor er zu einem kleinen Rundgang in die ihm noch unbekannte Stadt aufbrach. 

Während er die Hand ausstreckt, um sich den Verlockendsten der Äpfel zu nehmen, klopft es an die Tür. Vielleicht das Zimmermädchen oder sonst eine Aufmerksamkeit. Es war ja offensichtlich ein sehr gastfreundliches Haus. Aber erst will er in diesen köstlichen Apfel beißen, der in seiner Hand einen verlockenden Duft entfaltet, bevor er zur Tür geht und öffnet. 

"Du mußt mit mir, Max!" 

Maximilian erschrickt nicht wenig. Da steht kein Zimmermädchen und kein Hoteldiener, sondern ein hagerer alter Mann mit weißem Gesicht. „Du mußt mit, Max!“ wiederholt er und bückt sich etwas, um durch die Tür zu gelangen. Oder hat er sich verneigt?
Einen, der regelmäßig  Äpfel verzehrt, kann so leicht nichts erschüttern auf dieser Welt. So ist auch Maximilian nur einen kurzen Augenblick wirklich erschrocken.

"Gerade jetzt, wo ich diesen herrlichen Apfel angebissen habe, Gevatter?  Laßt ihn mich doch zur Gänze aufessen. Wäre doch  eine Sünde, diese herrliche Gottesfrucht verderben zu lassen!" 

"Wenn ich da bin, bin ich da!" Bruder Hein liebt keine langen Sätze. Er ist in al­ler Regel  kurz angebunden und präzise wie ein General, wenn er Befehle an seine Soldaten erteilt. "Aber, das dauert doch nur höchstens drei, vier Minuten. Und dann; die Ewigkeit versäum' ich schon nicht.  Schau, wie saftig er ist!" Maximilian beißt ein zweites mal kräftig in den Apfel hinein, daß der Saft davonspritzt.

"Da gibt es keine Ausnahme. Auch wenn dieses Obst da", und der Tod weist mit der dürren Knochenhand auf die rotwangige Frucht, "tatsächlich ausschaut wie das blühende Leben selbst."

Er räuspert sich und fährt in versöhnlicherem Ton fort: "Hab’ viel gelernt, die letzten tausend Jahre. Die Menschen sind sehr raffiniert und gar oft schon wurde  ich von der Erfüllung meiner Pflicht abgehalten durch alle möglichen Listen. Es wäre nicht das erstemal, daß mir jemand das Ver­sprechen abnimmt, ich solle nur eine Welle auf  ihn warten,  bis er dies oder jenes vollendet hat.  Du bittest mich, mit meiner Mahd zu warten, bis du diesen Apfel fertig gegessen hast. Dann hörst du einfach damit auf und legst ihn für immer weg... An mein Wort ge­bunden, müßte ich dann auf den Sankt Nimmerleinstag warten.  Das tu ich  nicht!"

Gevatter hat schon lange nicht mehr soviel gesprochen, wenn er im Begriff ist, einen Auftrag zu erfüllen. Er weiß selbst nicht, warum er sich heute dazu hinreißen läßt. Ist es die Stimmung dieses Tages, ist es Maximilian, der sich so gar nicht fürchtet vor ihm, oder übt der frische Apfel einen geheimen Zauber auf ihn aus?

Maximilian beißt noch einmal in die saftige Frucht, wischt sich mit dem Ärmel über den Mund und schickt sich ins Unvermeidliche. "Aber, gelt, Gevatter, wenn Ihr mich schon nicht mehr zu Ende essen laßt, so darf ich mir den Rest we­nigsten mitnehmen  in die Ewigkeit?"

Dabei drückt er den Apfel fest an die Brust, so als wolle er sich doch noch an etwas fest­klammern in dieser Welt. 

Der Sensenmann, allen anderslautenden Gerüchten zum Trotz durchaus kein Un­mensch, hat ein Einsehen.  Einerseits tut es ihm leid, daß er so hart gewesen ist.  Anderer­seits: was soll schon viel passieren, der Bursche führt sicher nichts Schlimmes im Schilde. Soll er sein Stück Obst doch mitnehmen!  Diese kleine Ge­fälligkeit, also, auch wenn man sonst immer streng sein muß, das läßt sich wohl einmal verantworten! 

So kam es, daß Maximilian schließlich mit einem angebissenen Apfel in der Hand die Himmelstür erreichte. (Vom in die Hölle kommen ist bei Dialysepatienten ohnehin nicht die Rede, weil sie auf  Erden schon alle ihre Sünden abbüßen.....) Als ihn Gevatter in der Aufnahmekanzlei der Himmlischen anmeldet, ist unser Maximilian noch etwas benommen.  So eine Kleinigkeit ist das Sterben ja auch wieder nicht!

"Ja, mit einem irdischen Apfel können wir ihn leider hier  nicht aufnehmen", rügt einer der Beamten sogleich. " Etwas Irdisches darf nicht in den Himmel.  Weißt du das nicht, Freund ? Du hättest ihm diesen Fremdkörper abnehmen müssen!" 

"Er hat mich darum von Herzen gebeten.  Ihr  wißt  ja,  der Auftrag war zu erfüllen; und  ‑ ich mag ihn einfach.  Soll eine Ausnahme sein.  Ist ja auch nur noch der halbe Apfel.  Vielleicht seid ihr einmal nicht gar so bürokratisch bei euren Neuaufnahmen."

Auch bei den Himmlischen werden man­ches Mal Augen zugedrückt, und so geht zum erstenmal, seit die Welt besteht, eine Menschenseele samt einem angebis­senen rotbackigen Apfel in den Himmel ein. 

Maximilan, als fröhliche Seele, läßt es sich wohl sein und schließt sich  sogleich einem  lustigen Reigen seliger Geister an.  Man tanzt dort in großen Spiralen und faßt einander an den Händen. 

Es ist ein wundersam wirbelnder Tanz, immer schneller und immer schneller;  und so passiert Maximilian etwas, das ihm auf Erden niemals passiert wäre! Er vergißt vor lauter Mund und Augenaufreißen seinen kostbaren Apfel, denkt ein­fach nicht mehr an ihn im Eifer des Tanzes, und  weg ist er! 

Der Apfel fällt ihm aus der Hand, wird, vom Schwung des Tanzes angetrieben, noch ein Stück durch die Luft gewirbelt, rollt auf dem Himmelsboden weiter und bleibt schließlich liegen."Mein  Apfel", will er da rufen, aber schon ist er Lichtjahre davongewirbelt.

"Oh, wird eine neue Sonne werden", jauchzt ihm seine himmlische Nachbarin ins Ohr, "laß ihn nur, laß ihn nur..."

Das war, wie sich nun herausstellen wird, kein sehr sonniger Rat, den Maximilian da von sei­ner himmlischen Nachbarin be­kommen hat! 

Im Himmel nämlich herrschen völlig andere  Gesetzmäßigkeiten als auf der Erde. Diese  wirken sich auf irdische Äpfel naturgemäß  auch völlig unterschiedlich aus, und das wie­derum entzieht sich unse­rem gewöhnlichen Hausverstand in unverschämter Weise vollkommen! Hören wir nun also, zu welchem "unhimmlischen"  Zwischen­all diese an sich harmlose Apfelgeschichte im Himmel führte und in welche Proble­me er diesen stürzte:

Im Himmel  -  und das bildet ja  das Wesen dieser segensreichen Einrich­tung ‑ findet alles und jegliches seine Erfüllung. (Es wäre folgerichtig  nicht der  Himmel, wenn auch nur die geringste Kleinigkeit  unerfüllt bliebe.)

Dieser Effekt vollkommener  Erfüllung wirkt sich auf die Seelen von Menschen höchst segensreich aus, und sie sind in der Tat dann auch ganze Ewigkeiten damit beschäfigt, diese völlige Erfüllung zu genießen. 

Ein Apfel hingegen? 

Betrachten wir die Sache einmal sehr nüchtern: Ein Apfel stellt seinem Wesen nach die Frucht des gleichnamigen Baums dar und dient zu dessen Fortpflanzung und Vermehrung.  Jedes kleine seiner braunen Kernchen ‑ wir spucken sie oft gedankenlos aus ‑ beinhaltet den Bauplan für einen kompletten neuen Apfel­baum.

Als unser angebissener Apfel nun himmlischen Boden berührte, widerfuhr ihm au­genblicklich die Vollendung und Erfüllung dieses seines Zweckes: alle kleinen braunen Kerne begannen auszutreiben 

Die Kerne, zu Bäumchen geworden, wuch­sen in himmlischer Schnelligkeit heran, und schon standen fünf stattliche Apfelbäume da, über und über mit wun­dervoll duftenden Äpfel behangen.  Diese reiften im Handumdrehen, fielen zu Boden, verbreiteten sich und vermehrten und vermehrten und vermehrten sich.... Auf  Erden ist eine derartiges Wachstum auch nicht annähernd vorstellbar, wie es hier, im Himmel, offenbar ganz selbstverständlich vor sich ging. 

Nach vier oder fünf  Zeitaltern hatten sich die prächtigen Bäume übers ganze Zelt des Himmels ausgebreitet, bald begannen sie, erste Sterne zu verdecken.

Zwei Äonen später fanden die seligen Seelen bereits keinen ausreichenden Platz mehr für ihre Spiele, der ganze große Himmel quoll über vor lauter großen statt­lichen  Apfelbäumen! 

Am Ende wäre der liebe Gott selbst hinausgedrängt worden aus seinem eigenen Himmel. So entschloß er sich endlich, an seine sechs Schöpfungstage und den sieb­ten Tag, den er (noch immer) ruht, einen achten anzuhängen, zur Lösung dieses kosmischen Problems.

Ob er  einfach alle Bäume wieder vertilgen  oder sie gar strafweise auf die Erde werfen sollte, von wo das Malheur schließlich seinen unglückseligen Anfang genommen hatte?

Nein, der liebe Gott wäre nicht der liebe Gott, würde er rachsüchtig sein, oder so ganz und gar fantasielos etwas vertilgen, was ihm nicht  paßt. (Das tun höchstens Menschen, wenn sie besonders böse und  ohne jeden Funken schöp­ferischer Fantasie sind.) 

Nun, als erstes hat er dem Maximilian  großmütig verziehen.  Man kann diesem armen Erdenwurm ja kaum einen großen Vorwurf daraus machen, daß er die Ge­setze des Himmels nicht gut genug kannte. (Hand aufs Herz, wer von uns kennt die irdischen Gesetze auch nur einigermaßen; wie sollen ihm dann erst die himmlischen geläufig sein?) 

Bruder Hein allerdings hätte sich schon ein wenig besser auskennen müssen mit jenseitigen Gepflogenheiten und Gesetzmäßigkeiten, auch wenn sein Arbeitsge­biet zugegebenermaßen eher im Diesseits liegt als drüben auf der anderen Seite.  Er hat in der Tat auch einen ernsthaften Verweis einstecken müssen.

Jener Beamte der himmlischen Aufnahmekanzlei, welcher den Himmel nicht rechtzeitig vor dem gefährlichen irdischen Apfel bewahrt hatte, ist später von seinem unmittelbaren Dienstvorgesetzten (wieder einmal) niederschriftlich über alle geltenden Aufnahmevorschriften belehrt worden. Und so geht diese, wenn sie nicht kosmische Dimensionen angenommen hätte, eher läppische halbe Apfelgeschichte, letzten Ende doch noch gut aus. 

Bliebe nur noch zu erzählen, was Gottvater nun mit den unzähligen himmlischen Apfelbäumen wirklich  machte:

Aus den Gründen, die wir bereits festgehalten haben, vertilgte er sie weder,  noch warf er sie   zürnend alle auf die Erde hinab.  Nein, er tat etwas ganz anderes: Er verteilte er sie auf alle Planeten, die er in seinen Milchstraßen geschaffen hatte. Die meisten von ihnen waren ja ohnehin noch kahl und un­wirtlich. Seither wachsen diese köstlichen Früchte im ganzen Universum; ein nicht zu unterschätzender Vorteil für künftige Generationen von (immer hungrigen) irdischen Raumfahrern.

Der mit der Sense hat seine Lektion am gründlichsten gelernt: niemals wieder wird er sich einem Men­schen nahen, während dieser gerade einen dieser köstlich duftenden Früchte verzehrt, die man Äpfel nennt......  



Walter Kiesenhofer - walkie@aon.at


Erschienen in der Anthologie „Noch einmal leben vor dem Sterben“, Edition Ponte Novu, 2003,  ISBN 3000126317  

 
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