Adler und Kaninchen


Sprach einst der Adler zum Kaninchen: "Aus den Lüften habe ich dich oft gese­hen.  Du bist klug, flink und jung, du gefällst mir sehr.  Dich will ich zu meiner Frau!"

Das Kaninchen auf dem Feld war vorerst ganz gehörig erschrocken und lief hoppelnd davon.  Nach einigen Sprüngen aber blieb es stehen, stellte sich auf seine Hinterpfoten, blickte den Adler, der ihm halb hüpfend und halb fliegend gefolgt war, mit wachsamen Augen an, und schwieg.

"Das glücklichste Häschen würdest du sein.  Du könntest mit mir fliegen, wohin im­mer du möchtest.  Die ganze Welt werde ich zu deinen Füßen ausbreiten!"

 Das Kaninchen, seine großen Ohren spitz aufgerichtet, blickte den Adler unver­wandt an. "Gut, lieber Adler, ich will dir glauben", sprach es vorsichtig; aber sag mir, sag mir ganz ehrlich, was erwartest du dir für deinen Teil?"

"Oh", winkte da der mächtige Vogel mit seiner rechten Schwinge ab, "mein Wunsch ist bescheiden.  Ich erwarte nichts anderes von dir, als daß du mir meinen Nacken kraulst.  Du mußt mir nur jeden Tag ein einziges mal meinen Nacken kraulen mit deiner Hasenpfote."

"Nun gut, das läßt sich hören", erwiderte darauf das Kaninchen, nun schon halb überzeugt, "die Welt möchte ich gar zu gern einmal von oben sehen. Ja, ich will!"

Sie flogen miteinander fort, der Adler seine großen Klauen zärtlich ineinander­verschränkt zu einem festen Körbchen, darinnen das Kaninchen, das nun seine Frau war.  Hei, wie da der Wind sauste.  Von Angst keine Spur. Felder und Wiesen so klein, und der rote Fuchs, der weit unterhalb von ihnen im Gras kauerte, so klein, kaum zu sehen. 

Mit ruhigen und kräftigen Flügelschlägen näherte sich der Adler seinem Horst.  Behutsam setzte er das Kaninchen ab.  Schön war es dort hoch oben in dem festgefügten Nest; der Adler hatte es sorgfältig gebaut und weich ausgepolstert, bevor er sich auf die Suche nach einer Liebsten aufgemacht hatte. .

Dann schloß er die Augen, und sanft begann das Kaninchen, ihm den Nacken zu kraulen.  Es war eine schöne Zeit, die für sie beide nun begann.

Er trug sie zu den saftigsten Wiesen ins Tal.  Frische Bärentatzen brachte er ihr mit, wenn sie un­päßlich war und den Horst hüten mußte.  Glänzende Kiesel und bunte Blumen schenk­te er ihr.  Und sie kraulte ihn, wie abgemacht, täglich hinter dem Nacken mit ihrer Hasenpfote.

Dennoch spürte der gute Adler nach und nach, wie das Kanin­chen, seine Frau, allmählich einsilbiger und trauriger zu werden begann.  Ja, sie nahm sogar ein Kilo ab, obwohl sie genügend zu essen hatte.  Manches Mal war sie zu müde, um ihn kraulen zu können.  Ein anderes Mal litt sie an starken Kopfschmerzen, und er flog sie zu den heilkundigen Männern in die tiefen Wälder; doch es half alles nichts. 

Tief in seinem Herzen fühlte der Adler,  daß  dem  Kaninchen etwas sehr Wichtiges fehlen mußte.  Wenn es das nicht bekam, würde es an seiner Seite nie mehr gesund und fröhlich werden können. 

Und so entschloß er sich an einem blühenden Frühlingstag, ihr das zu schenken, was ihr seiner Meinung nach wohl am meisten fehlen mußte: er wollte ihr ihre Freiheit zurückgeben! 

Kaninchen sollte sie wieder sein dürfen, nicht mehr an ihn gebunden, nicht mehr auf ihn angewiesen. Aber ihre große Freude, das Fliegen, sollte sie als Geschenk dennoch behalten dürfen! 

Langsam rupfte sich der Adler eine Feder nach der anderen aus seinem Leib. Feder um Feder fügte und webte er um ihren Leib. 

Schöner gelingt es ihm, als es ihn vordem selbst gekleidet hat, der jetzt nackt und plump vor ihr steht.  Ein neues Federkleid ist es um ihren Leib. 

Dann, als sie mit seinen Federn vollstän­ig umhüllt ist, ganz plötzlich, geht sie an den Rand des Horstes, zögert einen Augenblick, breitet dann ihre Pfoten aus und schwingt sich hinaus in den Abgrund. 

Ihr nachstürzend der Adler; ihr zu helfen.

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at 

 
 

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