Borillo an der Oberfläche

 
Als er diesmal die Erdkruste von unten durchstieß und seine große rosarote Nase in das grelle Licht des Tages reckte, war alles anders als sonst. Blitzlichter flammten auf, Reporter streckten ihm Mikrofone entgegen, eine unabsehbare Meute von Journalisten und bedeutenden Leuten beugten sich zu ihm herab.

Borillos starkes Maulwurfherz war nie leicht zu erschüttern gewesen. Man kennt auf der ganzen Welt keine unbeirrbareren Herzen als die von Maulwürfen, welche sich stetig und sicher ihren Weg durch die Erde graben und immer wieder an das Licht des Tages durchstoßen. Diesmal aber - nein, das begriff er nicht! Was wollten die vielen Menschen, was war hier los? Was hatte dieser Auflauf mit ihm zu tun?

"Der allerletzte Maulwurf hat nun das dunkle Erdreich verlassen und ist Bewohner der Oberfläche geworden. Wie fühlen Sie sich, werter Herr Maulwurf, oder sind Sie gar eine Madame Maulwurf, daß Sie jetzt bei uns an der Sonne sind und für immer bleiben dürfen?" Der junge schicke Fernsehmoderator kicherte etwas abgründig, als sei ihm mit der Anspielung auf die Geschlechtlichkeit eines Maulwurfs ein besonders feiner Spaß geglückt. Borillo war völlig verwirrt:
Er, der letzte Maulwurf, und er sollte für immer an der Sonne bleiben .... Nein, natürlich würde er wieder seine Gänge im kühlen Erdreich aufsuchen und neue graben. Und zwar so rasch als möglich, wenn ihn diese Versammlung nicht sogleich in Ruhe ließ. Schon traf er Anstalten, mit seinen großen Hände weit auszuholen und senkte seine Nase nach unten, da spürte er mit einem Mal, daß ihm etwas über beide Hände gestülpt wurde, das ihn abrupt an der Ausführung dieses Vorsatzes hinderte. Vor Schreck riß er die Augen weit auf. Maulwurfaugen sehen von Natur aus nicht gut, aber was er da erblickte, jagte ihm einen gewaltigen Schrecken ein: man hatte ihm einen einzelnen rosaroten Handschuh aus Leder über seine beiden Schaufeln gestülpt, der mit einem Gummibund kurz vor seiner Nase abschloß und nicht abzuschütteln war.

"Was, was soll das bedeuten?" Es waren die ersten Worte, die er sprach. (Maulwürfe sprechen nur sehr selten. Ihre Sache ist es nicht, viele Worte zu verlieren, sondern vielmehr, sich zu orientieren, konsequent und folgerichtig zu arbeiten und sich ihre Wege selbst zu bahnen.) Er fühlte sich in dieser Situation aber ohne Zweifel im Recht, Aufklärung über den sonderbaren Anlaß zu verlangen, dessen Mittelpunkt er offensichtlich war. Außerdem mußte gegen die Behinderung seiner Bewegungsfreiheit, welche ihn noch mehr schmerzte, sogleich Protest erheben.

"Er weiß es nicht, er weiß es wirklich noch nicht!", jubelte eine junge Reporterin in einem engen hellblauen Kostüm. "Wie entzückend, er lebt wirklich hinter dem Mond... na ja, hinter der Erde", fügte sie leicht angewidert hinzu. "Wie kann auch einer, der unter der Oberfläche sein Leben fristet, vom Lauf des Lebens wissen. Nun gut, verehrter unterirdischer Freund, ich will es ihnen erklären, zumindest will ich es versuchen: Wir haben ein eigenes Stück auf der großen Maulwurfsfarm für jeden von euch reserviert, dort findet jeder Maulwurf ideale Lebensbedingungen, auch eine kleine Höhle und einen kleinen Teich zum Waschen. Für Futter und Unterhaltung wird gesorgt, alle Ihre Artgenossen befinden sich bereits dort. Einzige Bedingung ist, daß Sie nie wieder unter die Erdoberfläche hinunter dürfen. Deshalb der Handschuh. Eine reine Sicherheitsmaßnahme, Sie verstehen doch hoffentlich. Übrigens, wie gefällt er Ihnen, es ist der schönste von allen für den letzten aller grabenden Maulwürfe...."

Und dann erklärte die Journalistin dem vor Entsetzen sprachlosen Maulwurf, wobei ihr die anderen Presseleute assistierten, wie man eine Maulwurfstiftung ins Leben gerufen habe, wieviel die Maulwurffarm kostete und wie man deren Betrieb sicherstellen würde bis in alle Zeiten. "Und warum das alles, bitte, warum?" Unser kleiner tapferer Maulwurf verstand überhaupt nichts mehr. Maulwurf sein und nicht mehr graben dürfen? Was um alles in der Welt kann ihm sein natürliches Recht, das Innere der Erde, streitig machen?

"Er weiß es nicht, er weiß es nicht, er hat keine Ahnung, seht, wie entzückend!" Die Berichterstatterin im rosaroten Kostüm hätte fast einen Luftsprung getan, wenn sie ihr enger Mini nicht daran gehindert hätte. Nun schaltete sich aber ein junger Mann in grauem Anzug, geziert von einem verwegenen Fünftagesbart, ein. Er trat vor das Mikrofon und stellte sich als Regierungsvertreter dieses Distrikts vor, räusperte sich vornehm und begann:

"Lieber Maulwurf, meine geschätzten Damen und Herren! In unserer Gesellschaft liebt man das Licht und die Sonne. Wir haben nichts zu verbergen, wir lieben und schätzen, was wir sehen können. Wie Sie alle wissen, hat hier gerade unsere Partei hervorragende Arbeit geleistet und eine Politik der sichtbaren Oberfläche verwirklicht. Wie Sie aus den Medien sicherlich wissen, gründeten wir das Projekt Maulwurfsfarm ins Leben gerufen und durchgeführt. Mit diesem letzten Exemplar nun darf ich das Projekt als abgeschlossen bezeichnen, welches Licht für alle Lebewesen bedeutet und kein zwei- oder vierbeiniges Lebewesen mehr im Dunkeln läßt.
Wir alle fühlen uns doch immer verunsichert, wenn etwas sich unter unserer Oberfläche regt und bewegt; oder wenn sich gar jemand, unbemerkt von uns, seine eigenen Wege wühlt. Was wir nicht mit unseren Augen jederzeit sehen können, das soll uns daher nicht länger beunruhigen.
Auf der anderen Seite stellt es für die Maulwürfe auch einen Akt der Erhebung dar, und das meine ich im wahrsten Sinn des Wortes, daß sie aus der dunklen feuchten Erde herausgeholt wurden an das wärmende Licht der Sonne. Sie wissen ja, unsere Partei trifft Vorsorge für alle Lebewesen. Werter Herr Maulwurf, betragen Sie sich hiemit als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft!"

An den Maulwurf gerichtet, fuhr er fort: "Sie können unter kontrollierten Bedingungen den Beruf eines Grabungsarbeiters in unseren künstlichen Gartenanlagen ausüben. Sie können Designer für Maulwurf-Clothing werden. Das wäre überhaupt noch eine Marktlücke. Denn, auch das muß allgemein klar sein: wir können auf Dauer nicht dulden, daß Sie und Ihre Art weiterhin wild und nackt herumlaufen. Wir alle benutzen sorgfältig gestylte Waren, Designerdüfte, Designerkleidung. Dasselbe steht Ihrer Gattung natürlich auch zu, ja, wir müssen sogar darauf bestehen, daß Sie sich uns in diesen ernsthaften Dingen anpassen.
Ein Kleidungsstück besitzen Sie ja bereits, Ihren Handschuh, lieber Freund aus der Tiefe! Willkommen unter der Sonne, willkommen auf der Oberfläche unseres schönen Planeten!"

Applaus brandete auf. Borillo verspürte aus verständlichen Gründen keine Lust, mitzuklatschen. Er hätte es auch gar nicht vermocht, so eng steckten seine beiden großen Hände im rosarot lackierten ledernen Handschuh.

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at 

 
 

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