Das Eichhörnchen und der Fuchs

      
           In alter Zeit, als die Tiere des Waldes noch untereinander reden konnten, da tanzte ein fürwitziges, junges Eichhörnchen über eine Lichtung, nicht weit vom großen Fluß entfernt, der diese Gegend durchströmte. Es war ein warmer Spätsommertag und das junge Eichhörnchen hatte besonderes Glück beim Nüssesammeln gehabt. Aus diesem Grund grüßte es die anderen Tiere des Waldes heute besonders fröhlich und piepste ihnen auch das eine oder andere Scherzwort zu, wobei es in seinem Zickzacklauf jeweils kurz innehielt und mit seinem buschigen Schwanz eine Verneigung andeutete, wie es die Galane früherer Jahrhunderte mit ihren Federhüten vor den Damen so schwungvoll zelebriert hatten.
         Als es sich den Bäumen am Ende der Lichtung näherte, sah es dort einen Fuchs stehen. Dieser mußte es schon eine Weile beobachtet haben, denn er sah genau in seine Richtung. Eichhörnchen grüßte ihn freundlich: "Na Bruder Fuchs mit der buschigen Rute, willst nicht ein bißchen mit mir auf die Bäume laufen?"
       "Oh, kleines Eichhörnchen. Ich fürchte, ich habe heute wenig Lust dazu. Ich habe gerade gegessen und ruhe mich hier ein wenig aus."
          "Feigling, Feigling!", gab das Eichhörnchen schnippisch zurück. Du hast zwar einen viel größeren Schwanz als ich, aber ich sah dich niemals noch zwischen Bäumen durch die Luft gleiten. Du kannst gar nicht auf Bäume klettern. Schau mal her, wie leicht das geht...." Und damit war es vor der spitzen roten Nase des Fuchses ( wenn er sich anfängt zu ärgern, dann wird sie noch ein wenig spitzer und röter als sonst) auf den nächsten Baumstamm gesprungen und erklomm ihn zwei drei Meter hoch mit anmutigen leichten Sätzen. "Komm, Bruder Langschwanz, das mach mir jetzt nach. Komm, laß uns auf den Bäumen spielen, fang mich!"

          Das kleine buschige Pelztier auf dem Baum hatte in der Eichhornschule offensichtlich nicht genau aufgepaßt, als sie das Wesen der Füchse durchnahmen, sonst hätte es Meister Rotpelz sicherlich nicht so unbefangen geneckt. Doch der Fuchs blieb freundlich. "Komm wieder herunter, spielen wir auf der Lichtung, liebes Eichhörnchen!"
        Unser Eichhörnchen, welches vom Wesen der Füchse aber zumindest doch soviel mitbekommen haben dürfte, daß es über deren sprichwörtliche Schlauheit nicht ganz im unklaren war, ging auf diesen Vorschlag nicht ein und fuhr statt dessen weiter fort, den roten Gesellen auf den Baum zu locken. Da dieser sich jedoch zu keiner Unbesonnenheit verleiten ließ, nahm der Fürwitz des kleinen Eichhörnchens weiter zu und es sprach zum Fuchs: "Bruder Fuchs, du magst zwar stark und schlau sein und einen prächtigeren Schweif besitzen, aber du kennst nicht das Gefühl, wie man damit durch die Luft steuert, wenn man hoch über dem Boden zwischen Ästen und Bäumen unterwegs ist. Du kannst dir zwar kleinere Tiere greifen und viele fürchten dich deswegen. Aber du kannst mir nicht einmal auf diesen Baum nachlaufen. In die Höhe laufen zu können, das ist aber weit mehr wert als alles andere. Sieh nur, wie ich auf dich hinunterschauen kann....."Der Fuchs hörte einfach nicht mehr hin und trottete langsam in Richtung Höhle, wo er lieber ein Verdauungsschläfchen halten wollte, anstatt mit diesem frechen Kerl zu streiten. Das Eichhörnchen aber lief und sprang und flog vor ihm her durch den Wald und quietschte vergnügt dabei.

          "Sieh mal, Bruder Fuchs, wie ich fliege" rief es hinunter und segelte in einem wirklich gekonnten Langstreckensatz quer über seinen Weg. Mehr aus Instinkt als aus Überzeugung schnappte der Fuchs danach, verfehlte es aber klarerweise, weil das Eichhörnchen doch zu hoch und zu schnell für ihn war. "Siehst du den großen Baum dort drüben, Bruder Fuchs, der höchste von allen? Schau her, wie schnell ich hinauflaufe bis auf seine höchste Spitze und dort wie ein Vogel sitzen kann. Huiiii ..."Und schon war das Eichhörnchen oben und es saß in der Tat auf den letzten dünnen Zweigen unterhalb des Wipfels.

          Der Fuchs trottete verdrießlich weiter. Aus so großer Höhe konnte er ohnehin nichts mehr vernehmen, auch wenn ihn die großspurigen Reden und Neckereien des Eichhörnchens interessiert hätten. Wohl aber sah und hörte ein stattlicher Mäusebussard, der gerade hungrig über die Lichtung strich, das kleine Eichhörnchen. Mit seinen scharfen Augen hatte er es im Wipfel des höchsten Baumes aus größerer Entfernung bereits erspäht, flog einen eleganten Bogen über die kleineren Bäume und schnappte sich das kleine Tier, während dieses noch immer vollauf damit beschäftigt war, dem Fuchs sein erhabenes Gefühl auf den Waldboden hinab zuzurufen. Der Bussard packte es kurzerhand mit seinen Krallen und trug es zur Abendmahlzeit für seine Kinder heim.

          Das fürwitzige junge Eichhörnchen war zwar keine Maus. Wenn man seinen buschigen Schweif aber abrechnete, war es sicherlich nicht gar so wesentlich größer als eine solche; vielleicht sogar eine willkommene Abwechslung im Nest. Außerdem - er hatte nicht einmal bis zum Boden hinunterstoßen und wieder aufsteigen müssen. Wenn sich ihm jemand schon so einfach anbietet, wer könnte da wohl widerstehen? 

 
   
   

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at