Illonius, der Schneckenführer
 

Illonius war unter den Nacktschnecken des Bürgermeistergartens keine herausragende Figur; weder zeichnete er sich durch besondere Dicke noch durch besondere Länge oder Freßlust aus; letztere war seiner Gattung vom lb. Gott persönlich in die (etwas schleimige) Wiege gelegt worden, als er sie in die Gärten der Welt entließ.

Nein, Illonius war eine Nacktschnecke wie jede andere auch; und doch kam er innerhalb der schneckischen Gesellschaft des bürgermeisterlichen Gartens in den Geruch eines Spinners: der wackere Schneck strebte nach Höherem!

Immer wenn er sich mit seinesgleichen in der nacktschneckischen Gartensprache unterhielt, begann Freund Illonius nach den üblichen kriecherischen Begrüßungsfloskeln zumeist ohne Umschweife vom grauen harten Land jenseits des Gartens zu schwärmen, das sich nach links und nach rechts in unermeßliche Weiten erstreckt. Darauf nämlich, so behauptete er, bewegten sich den ganzen Tag über die Götter hin und her. Große, riesengroße und windschnelle Götter in den verschiedensten Farben und mit lautem Donnern, und wenn man ihnen entgegenkroch, nahmen sie einen mit. Illonius hatte wiederholt beobachtet, daß jene Nacktschnecken, welche von der anderen Seite das harte Land bekrochen, samt und sonders noch am selben Tag von den Göttern aufgenommen wurden. Nicht beim ersten donnernden Gott, auch nicht beim zweiten oder zwanzigsten oder hundertsten - aber irgendwann innerhalb desselben Tages war jede einzelne Schnecke von der weiten grauen Fläche verschwunden.

So erzählte Illonius es seinen Gattungsgenossen und schürte damit, besonders unter den jüngeren Nacktschnecken, das Verlangen nach der Aufnahme durch einen der donnernden Götter. Die Alten und Besonnereren versuchten, ihm derlei Reden zu verbieten und wiesen darauf hin, daß seit Schneckengedenken noch niemals jemand über dieses graue harte Land zum jenseitigen Garten gekrochen sei; das Ansinnen allein wäre bereits unerhört und im übrigen höchst überflüssig. Denn man besitze hier im Garten doch alles, was ein nacktew Schneckenherz je begehren könne. Es sei auch noch nie gehört worden, daß von jenseits des grauen harten Landes jemand in ihren Garten gelangte. Und natürliche Grenzen soll der Schneck nicht übertreten.

Es kam aber, wie es stets kommt, wenn Junge etwas wissen wollen und es, wenn die Alten davor warnen, erst recht besonders genau wissen wollen: Eines Tages machten sich ihrer vierzig oder fünfzig auf den Weg zum großen harten Land. Sie krochen durch den Zaun, überquerten, nun schon mit einiger Aufregung und wohl auch mit so etwas wie Ehrfurcht, einen üppigen Wiesenstreifen und hielten dann vor dem harten grauen Land der riesenhaften Götter des Windes. Sie waren so schnell und donnerten so laut, wie Illonius es ihnen vorausgesagt hatte. Die Gruppe der zu den Göttern ausgezogenen mutigen Nacktschnecken feierte Illonius deshalb sogleich an Ort und Stelle und setzte ihn als ihren Führer ein. Diesem Vertrauen entsprach der Erwählte auch ohne viel Verzug und kroch als erster auf das harte Land, welches sich nach rechts und links in unermeßliche Weiten verlor.
"Sobald mich ein Gott mitnimmt, kommt nach!" rief er ihnen zu und ließ auf seinem Weg eine glänzende dünne Spur für sie zurück.

Sie hatten nicht lange zu warten. Bereits nach etwa einer Stunde, was einer Wegstrecke von etwa zwei Metern entspricht, war er nach dem Vorbeidonnern eines besonders riesigen Gottes mit einem mal entschwunden und für die anderen, die am Straßenrand der B 137 warteten, nicht mehr zu sehen. Die braune Wölbung seines Körpers, die sich auf der glatten Fläche selbst auf diese große Entfernung deutlich abgezeichnet hatte, war nicht mehr zu sehen. Es war gekommen, wie er selbst es ihnen prophezeit hatte. "Der große rasende Gott hat ihn aufgenommen. Auf zu den großen rasenden Göttern!" riefen sie alle und bewegten sich in einem, selbst für jüngere Nacktschnecken beachtlichen Tempo hinaus auf das harte graue Land.

Es tat nicht gut, so trockenen Boden unter sich zu verspüren. Sie waren das feuchte weiche Gras des bürgermeisterlichen Gartens gewöhnt. Trocken war es und heiß und der Boden bebte, wann immer der Schatten eines Gottes vorbeiraste.

Man muß sagen, daß den meisten von ihnen im tapferen Schneckenherzen wohl etwas mulmig zumute gewesen ist. Aber eine nach dem anderen verschwand aus dem Sichtfeld der Nachkriechenden, bis sich kein einziger Schneckenrücken mehr über die Fläche der Straße erhob, über das die Autos weiterfuhren, als sei nichts geschehen ....

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 
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