DAS MUTIGE ZEBRA

 

 

Dem großen Löwen näherte sich einst zur Mittagszeit ein junges Zebra und fragte: Mein lieber Löwe, könntet Ihr mir kraft Eurer Weisheit wohl eine sehr wichtige Frage beantworten? 

Der Löwe, ob der lästigen Unterbrechung des Mittagsschlafs ziemlich erbost, hob seinen mächtigen Kopf, schüttelte ein einziges Mal seine prächtige Mähne und brummte unwirsch: Du störst mich in meinen Gedanken.  Und überhaupt, du .. wie... naja, al­so, was willst du wissen!
(Alle großen Tiere werden gern gefragt.  Dieser eingeborene Trieb pflegt stärker zu sein als jede Verärgerung über Störungen jedweder Art.) 

Das arme Zebrajunge, immer noch ein wenig eingeschüchtert und über seinen eigenen Vorwitz erschrocken, widerstand tapfer dem Drang zum Weglaufen:

....ich, ich, als ich Euch so daliegen sah, so friedlich und stark, da dachte ich bei mir, daß die größte Stärke wohl in den friedlichsten Bildern zu suchen sei, edler König.  Ihr lagt da, sanft und friedvoll. Und doch seid Ihr voll Macht und Stärke.  Darum habe ich es gewagt, Euch nun in dieser Sache anzusprechen .... 

Besagter König der Tiere war sich nicht ganz klar darüber, ob er das Ansinnen des Zebras als Frechheit verstehen sollte, oder als Huldigung. Deshalb brummte er lediglich unwirsch in seine Mähne. Dem Zebra klang es , wie wenn er gnädig zur Fortsetzung des Gespräches auffordere. 

So sagt mir, lieber Löwe, ob es sich nicht mit dem Mut nicht ganz anders verhält, als dies äußerlich oft den Anschein hat? Wißt Ihr, ich meine, seht mich einmal an ‑ wie wehrlos, wie schwach ich da vor Euch stehe.  Sagt selbst, gehört nicht sehr sehr viel Mut dazu, vor das stärkste Tier zu hinzutreten und es um seine Meinung zu fragen, anstatt vor seinen Klauen und den scharfen Zähnen in seinem Maul sogleich das Weite zu suchen? Bin ich nicht in der Tat vollkommen sanftmütig, wehrlos und schwach?  Sagt mir also: liegt der Mut, der echte Mut, die wirkliche Stärke, nicht oft in einem schwachen Äußeren verborgen? 

Leider, erwiderte da der Löwe.  Leider, viel zu selten. 

Und er griff wie beiläufig mit der rechten Tatze nach dem Zebrajungen, verschlang es mit fünf oder sechs genüßlichen Bissen, wischte sich danach mit der Linken einmal genießerisch über die Schnauze, rülpste laut und legte sich wieder hin, um seinen unterbrochenen Mittagsschlaf fortzusetzen.  

 
 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at  

 

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