Sein größtes Geschenk


Thomas zögerte. Eben passierte er das Ortsschild der kleinen Stadt, in welcher er heute etwas sehen wollte, von dem er eigentlich nichts wissen durfte. Wäre es nicht doch besser, jetzt noch umzukehren?

Aber da befand er sich bereits auf dem Hauptplatz des Städtchens. Inmitten ehrwürdiger alter Häuser thronte stattlicher Christbaum. Rechts vor ihm, vor dem steinernen Brunnen, parkte eben eine Dame aus. Er betätigte den Blinker  und schon stand sein Wagen auf der freien Parkfläche. Es war ein Kurzparkplatz. Thomas stieg gemächlich aus und suchte einen Automaten, wo er den nötigen Parkschein lösen konnte. Sein Blick schweifte über den ganzen Platz. Ein besonders stattliches Haus, dessen Fenster mit schmiedeeisernen Verzierungen geschmückt waren, fiel ihm in die Augen. Es trug in schwarzen Buchstaben die Aufschrift Rathaus; er befand sich demnach mitten im Herzen der Stadt.

Er könnte jetzt wieder einsteigen und wegfahren. Sehr wahrscheinlich war es nicht gut für ihn, den Ort zu sehen, wo Franz Schatzmann gewohnt hatte, der Spender seines eigenen Herzens, das  ihm etwa zwei Monate zuvor von tüchtigen Chirurgen verpflanzt worden war. Nicht umsonst hatte man sich im Krankenhaus nach der Transplantation strikt geweigert, ihm Namen oder Anschrift zu nennen. Man gibt diese Daten im Interesse der Angehörigen, wie auch im Interesse des Empfängers, grundsätzlich nicht preis.

Ohne dieses neue Herz hätte Thomas nur noch wenige Monate oder vielleicht nur noch Wochen zu leben gehabt. Nach den rasch abklingenden Folgen der Operation besserte sich sein Zustand nun sehr rasch; ein ganz neuer Lebensmut ergriff von ihm Besitz und erfüllte ihn mit neuer Hoffnung und großer Dankbarkeit. Sein Leben mit dem unheilbar kranken Herzen war ja nur noch ein Dahinvegetieren gewesen.

So dankte er jeden Tag dem unbekannten Menschen am Morgen, wenn er aufwachte und am Abend, bevor er einschlief. Das genügte dem gründlichen Thomas aber nicht. Er wollte die Stätte aufsuchen, wo dieser bestattet war, er wollte Blumen bringen, eine Kerze anzünden. Er wollte sich persönlich bedanken. Aber kein einziger Arzt seiner Station ließ mehr verlauten, als daß es ein Mann war, dessen Herz nun in seiner Brust schlug, etwa um die vierzig; sowie daß sich das Organ in hervorragendem Zustand befand.

Wie er den Namen seines unbekannten Wohltäters dennoch erfuhr, soll hier nicht näher untersucht werden. Vielleicht findet sich immer irgendwie ein Weg, wenn jemand etwas ganz stark wünscht. Ein wenig Zufall, etwas Schlamperei in der Krankenakte vielleicht, eine überraschende Gelegenheit  und schon war das Ziel seines ersten Ausflugs nach Krankenhausaufenthalt und Rekonvaleszenz klar.

Und nun stand er da. Auf dem Hauptplatz der kleinen Stadt, über den Herr Schatzmann unzählige Male gegangen sein mochte. Am ersten Heiligabend, den er wieder als gesunder Mensch erleben durfte, wollte er ihn aufsuchen und ihm vor dem Grabhügel persönlich seinen Dank abstatten. Thomas fütterte den Parkautomat mit zwei Euromünzen und legte das Ticket auf das Armaturenbrett vor dem Lenkrad. Nun erst nahm er Jacke und Hut aus dem Kofferraum. Zwar war in diesem Jahr noch kein Schnee gefallen, aber jetzt kurz vor Weihnachten könnte das schnell der Fall sein. Außerdem strich ein kalter Wind über die freie Fläche. Er schlug den Kragen hoch, holte Kerze und Blumen aus dem Kofferraum und machte sich auf den Weg in die Schillerstraße. Dort hatte Franz Schatzmann zuletzt gewohnt; anschließend wollte er den Friedhof aufsuchen. Rasch noch einen Passanten nach dem Weg gefragt, und schon eilte Thomas flotten Schrittes durch die ihm unbekannte Stadt.

Das (neue) Herz schlug bis zum Hals, wie er nun das Haus suchte, wo es für einen anderen Menschen geschlagen hatte, wo dieser Mensch Heim und Heimat besessen hatte. Ob er wohl verheiratet war; welchen Beruf mochte er ausgeübt haben, war er groß, klein, dünn oder dick, sportlich oder ein Genießer? Musikliebhaber, kulturell interessiert? Oder hatte er lieber Fußballspiele im Fernsehen verfolgt, mit einer Flasche Bier in der Hand? Die schönen Fachwerkbauten und Erker an manchen Häusern interessierten ihn nicht so sehr, wie sie es wohl verdient hätten. Die Schillerstraße begann an einer größeren Kreuzung, wirkte nach dem Einbiegen aber eher etwas nüchtern und grau, weil man sie nicht mit den Weihnachtsgirlanden und Engeln der Geschäftsstraßen dekoriert hatte. Sie war nicht sehr breit und verlief in schnurgerader Richtung. Eine ganz gewöhnliche Straße, wie alle anderen auch. Nummer 1 stand an der ersten Tür nach der Kreuzung.

Er ging langsam, fast zögernd, in die Straße hinein. Nach kaum zehn Minuten las er neben einem Hauseingang 'Schillerstraße 73'. Ein goldenes Schild gab Auskunft, daß hier ein Anwalt seine Kanzlei betrieb. Eine kleinere Tafel mit einer Lotosblüte verriet, daß eine chinesische Akupunktur-Massage angeboten wurde und ein etwas verwittertes Schild wies auf eine Änderungsschneiderin hin. Zwei kleine Steinstufen führten zur schmucklosen  Eingangstür. Das Haus machte einen einfachen, aber sauberen Eindruck, ebenso wie die anderen Häuser in dieser Stadt. In den Stein der Türumrahmung eingelassen fand Thomas die Klingeltafel mit den Namen der Bewohner. Etwa fünfzehn Namen konnte man neben den weißen Druckknöpfen ablesen. Ganz unten stand deutlich lesbar der Name seines Organspenders. Der Mann mußte also im Erdgeschoß oder im ersten Stock gewohnt haben.

Als plötzlich die Tür aufging und eine Dame auf die Straße heraustrat, fragte sie ihn freundlich, ob er jemanden suche. Er erschrak ein wenig und verneinte. Es war ihm, wie wenn er als Bub von der Lehrerin beim Schwindeln ertappt worden wäre. Er dankte rasch, drehte sich um und ging die Straße weiter hinab, die Blumen fast verschämt hinter seinem Rücken versteckend. Den Friedhof des Ortes hatte er bald gefunden. Keine Viertelstunde später suchte er bereits die Reihen ab. Das frische Grab fand sich ohne große Probleme. Viele Kränze lagen um den Hügel herumgeschichtet. Die Blumen waren natürlich schon welk. Dennoch ging eine feierliche Stimmung von ihnen aus. Eine kleine Tafel an dem Holzkreuz gab Auskunft. Geburtsdatum und Sterbedatum standen unter dem Namen Franz Schatzmann vermerkt. Letzteres war Datum seiner Transplantation, seiner eigenen zweiten Geburt.

Er legte die Blumen hin und zündete die mitgebrachte rote Kerze an. Dann nahm er den Hut vom Kopf und sprach im Geist ein Gebet für diesen Menschen. Er blieb lange stehen, sehr lange. Viel ging durch seinen Kopf. Schönes und Trauriges. Wie es mit Leben und Tod eben zusammenhängt bei uns Menschen.

Beinahe hätte er die leisen Schritte nicht gehört, die sich ihm langsam näherten. Eine Frau mit dunklem Mantel schritt seitlich an ihm vorbei, blieb rechts vom Grab stehen und entnahm ihrer Einkaufstasche sehr vorsichtig ein kleines Bäumchen. Aus den zierlichen Wurzeln rieselte etwas Erde zu Boden. Sie bückte sich, grub mit der rechten bloßen Hand eine kleine Mulde in die weiche Erde des Grabs, setzte das Bäumchen behutsam hinein und drückte die zuvor ausgehobene Erde ringsum an, so daß es festen Halt hatte. Dann erst, als sie sich erhob, nickte sie Thomas grüßend zu, verschränkte die Hände und blieb still vor dem Grab stehen. Sie hatte schwarze Handschuhe an, trug schwarze Strümpfe und schwarze Schuhe. Es mußte wohl die Frau des Verstorbenen sein, oder vielleicht seine Tochter. Nein, Herr Schatzmann war etwa vierzig Jahre alt gewesen, und die Frau hier am frischen Grab, obwohl sie ihm jung erschien, stand doch mit Sicherheit schon in den Dreißigern.

Als Thomas zu diesem Schluß kam, wurde ihm sehr traurig zumute. Jetzt erst kam ihm  so richtig zum Bewußtsein, daß diese Frau hier einen großen Verlust erlitten hatte und wahrscheinlich andere Menschen ebenso. Er spürte sein Herz wieder bis zum Hals klopfen. Sein Herz? War es denn sein Herz?  Durfte er sich weiterhin jeden Tag darüber freuen, wo er nun dieses Bild tiefer Traurigkeit vor sich sah? Thomas war noch nie ein roher Mensch gewesen und fühlte mit den Menschen seiner Umgebung oft sehr innig mit. Und indem er sich nun in die Lage der so alleingelassenen Witwe hineinversetzte, begann es aus ihm heraus plötzlich zu schluchzen; Tränen traten in seine Augen. Verstohlen wischte er sie mit dem Handrücken ab. Aber der Frau war diese Geste der Rührung nicht entgangen.

»Haben Sie ihn auch gekannt, meinen Franz?«, fragte sie leise und reichte ihm ein Taschentuch aus ihrer Handtasche. Thomas konnte eine Weile nichts darauf antworten. Er schämte sich und wäre am liebsten in den Boden versunken.

»Ja  nein, eigentlich, ich weiß nicht«, stotterte er.

Denn einerseits hatte er den Menschen niemals gesehen, den die Erde deckte, und andererseits schlug dessen Herz gerade in diesem Augenblick sehr lebendig und heftig in seiner Brust, war ihm also nahe, ganz nahe. Näher konnte einem doch niemand stehen, als wenn man sein Herz in der eigenen Brust hat.

»Ja, ich stehe ihm wirklich sehr nahe, Ihrem verstorbenen Gatten, Frau...  Schatzmann«, setzte er, nun bereits etwas gefaßter, hinzu.

Es entspann sich ein kurzes Gespräch unter zwei einander fremden Menschen, die dennoch etwas verband. Wahrscheinlich sprachen sie über den Verstorbenen, über die Umstände seines überraschenden Hinscheidens. Als sie nach etwa zehn Minuten gemeinsam zum Ausgang strebten, strauchelte die Frau leicht, als sie um das Grab herumging. Thomas reichte ihr helfend den Arm.  

Damit endet diese Geschichte eigentlich. Eine Weihnachtsgeschichte, die so gar keine Weihnachtsgeschichte ist. Oder doch? Feiert die Christenheit nicht die Geburt ihres Erlösers an diesem Fest? Und bedeutete das Herzensgeschenk, das Thomas erhalten hatte, nicht ebenfalls eine Erlösung  für ihn? Er befände sich ansonsten sehr wahrscheinlich gar nicht mehr unter den Lebenden, und seine eigene Frau, die so viele Jahre mit ihm gebangt und gehofft hatte, müßte jetzt an einem frischen Hügel mit Kränzen stehen. Wenn jemand stirbt, kann er seine Organe nicht in den Himmel mitnehmen, aber auf Erden können sie anderen Menschen unermeßlich helfen. Indem ihm dieser Spruch aus einem kürzlich gelesenen Zeitungsartikel einfiel, fühlte er Gott und seiner ganzen Welt gegenüber großen Dank. 

Als sich die beiden Menschen auf dem Parkplatz vor dem Friedhof trennten, auf dem Frau Schatzmann ihr Auto geparkt hatte, und als sie einander die Hände reichten, überkam Thomas plötzlich der Wunsch, ihr sein großes 'Geheimnis' anzuvertrauen. Ihr zu sagen, daß nicht alles von ihrem Mann gestorben sei, ja daß das Wichtigste, sein Herz, noch lebte. Er hätte sogar ihre Hand nehmen können, sie an sein Herz führen, und sagen: da schlägt es noch, sein Herz... Aber in derselben Sekunde wußte er, daß er das niemals tun würde.  

Als Thomas nach dem Friedhofbesuch und einem anschließenden heissen Tee in einer menschenleeren Gastwirtschaft die lange Heimfahrt antrat, gingen ihm vielerlei seltsame Gedanken durch den Kopf. Das Herz, das für diese Frau geschlagen hatte, schlug es nun tatsächlich nur noch für ihn allein? Oder doch auch noch für die Frau, für welche es so lange geschlagen hatte? Er gestand sich ein, daß er sich sogleich ganz spontan zu ihr hingezogen gefühlt hatte, daß sie ihn innerlich berührte. War sie ihm etwa tatsächlich ans Herz gewachsen? War es sein Herz, war es wirklich allein sein Herz, das da in seiner Brust pochte?

Beinahe hätte er einen LKW überholt, obwohl er selbst gerade überholt wurde. Er mußte besser auf den Verkehr achten. Es war Heiligabend und es dämmerte. Auf der Autobahn war zwar nicht viel los, aber vielleicht hatten die anderen Verkehrsteilnehmer auch schon Weihnachten im Kopf und wollten möglichst schnell bei den Ihren daheim sein. Er hörte auf zu grübeln. Und war sich in dem Moment, wo er sich wieder auf den rechten Fahrstreifen einordnete und bremste, plötzlich sicher: es war sein Herz. Es war wirklich sein Herz. Und er wollte alles tun, es gesund nach Hause zu bringen. Sie gehörten zusammen, und sie wollten noch lange gemeinsam leben!

 
 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 

Erschienen in „Noch einmal leben vor dem Sterben“, Edition Ponte Novu, 2003, 
 ISBN 3000126317
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