Eva Schönbauer

 
Eva und ich kennen einander aus dem FICTION MOTEL in MAGNET CITY. Dort bereits fanden wir literarischenen Gefallen aneinander und webbten unsere gegenseitigen Inspirationen immer wieder durch die Rechner unserer Provider. Eva beschränkt sich aber nicht nur auf virtuelle Lesetische; mit verschiedenen Texten und Gedichten war sie im vergangenen Herbst beispielsweise der Star beim literarischen Cafe auf Schloß Puchberg.
Eva ist eine Frau, bei deren bloßer Gegenwart "Einhörner Lieder aus Steinen zu schlagen vermögen". Sie bezaubert mit Geist und Witz (-Utensilien, mit denen der sogenannte Zeitgeist nicht immer gerade sehr verschwenderisch ausgestattet erscheint), bleibt als gelernte Sozialarbeiterin, Lebensberaterin - und Mutter dreier Kinder aber stets auf dem "Teppich" .....
Hier möchte ich ein besonderes Beispiel aus ihrer Produktion vorstellen; es ist auch eines für die positiven Möglichkeiten der Datenvernetzung.
Mr. Mort Timer
verdankt den Impuls seiner Entstehung u.a jenen literarischen Versuchen, die ich auf dem Gebiet Neuer Mystik gewagt habe und verarbeitet - ebenso spielerisch wie genial - das Gewußte und das Erahnte zu einer luftigen, lockeren Geschichte.

Aber, Vorsicht, Damen und Herren! Eva hat Tiefe (wovon sie, wie sie sagt, selbst aber am allerwenigsten merkt....)! Und am Ende hält man einen kunstvoll verwobenen Kranz echter Lebensweisheit in Händen, der sich, wie es sich für alle echten Aussagen über das Leben-und-Tod-Spiel gehört, ganz selbstverständlich in sich selber schließt.

Ich wünsche eine vergnügliche Lektüre bei einigen Kostproben aus ihrer literarischen Frühzeit:
 
Mr. Mort Timer, Reisender
von Eva Schönbauer

 

Ein Freund von mir erzählt mir immer wieder Geschichten von einem gewissen Lie ben-Goth. Dieser Herr dürfte trotz seines chinesisch anmutenden Vornamens Lie aus dem Nahen Osten stammen. Der Beschreibung nach sieht er auch aus wie einer dieser Imams mit diesen langen weißen Bärten, aber soviel ich weiß, haben auch in anderen Ländern viele ältere Männer solche Bärte, also könnte er ebensogut orthodoxer Grieche oder Russe oder Hebräer sein. Korkenzieherlocken hat er aber keine, sagte mein Freund auf eine diesbezügliche Bemerkung meinerseits. Also wahrscheinlich doch kein Pope oder Rabbiner. Immerhin auffällig genug in unseren Breiten, ziemlich fremdartig.

Jedenfalls muß Herr ben-Goth auf meinen Freund großen Eindruck machen. Nach jeder Begegnung verhält er sich nämlich eine Zeit lang sehr seltsam. Dann macht er lange Spaziergänge und Stadtbummel oder fährt stundenlang mit seinem Fahrrad die Gegend ab. Ich glaube, insgeheim hofft er, ihm zufällig wieder über den Weg zu laufen, was aber noch nie der Fall war. Er traf ihn bisher immer rein zufällig, wenn er gar nicht damit rechnete, und noch dazu an den unmöglichsten Plätzen. Im Museum, unter der Brücke, im Schloßpark.

Mir scheint ja, daß dieser Herr ben-Goth unsteten Aufenhaltes ist. Dafür spricht auch, daß ihn mein Freund letztens auf den Stufen einer Kirche sitzen sah, neben einem anderen Obdachlosen, mit dem er sich angeregt unterhielt. Aber ehe mein Freund über der Straße war, um ihn zu begrüßen, hat ihn das Auftauchen zweier Streifenpolizisten verjagt. Touristenvisum scheint er jedenfalls keines zu haben, sonst wäre er nicht so schnell verschwunden.

Vielleicht macht sich mein Freund auch Sorgen um seinen Bekannten. Kürzlich erzählte er mir, Lie ben-Goth suche in unserem Land schon lange nach Asyl bei den rechten Menschen, aber da hat er sich wohl die falschen ausgesucht. Wäre vielleicht unter den Linken leichter gegangen, andererseits in Zeiten wie diesen weiß man das auch nicht mehr so genau.

Aufenthaltsgenehmigung kriegt er jedenfalls sicher nicht, das weiß ich. Weil ich weiß, daß das Kontingent ausgeschöpft ist. Und vermutlich fällt es Herrn Lie ben-Goth auch schwer, nachzuweisen, daß er Arbeit, Einkommen und eine ausreichend große Wohnung hat. Haben ja nicht einmal unsere Leute, und die haben keine so chinesich-arabischen Namen. Und Job bekommt er sicher auch keinen mehr, denn nach den Erzählungen dürfte Herr ben-Goth schon ein sehr betagter Herr sein, allerdings noch recht interessiert auf sein Alter. Was ich so von meinem Freund gehört habe, müssen die beiden auf dem Pfarrplatz gelegentlich ganz keck... aber das sage ich jetzt nicht. Diese Geschichten von Herrn Lie gehören wirklich nicht hierher, die hat mir mein Freund ganz vertraulich unter dem Siegel absoluter Vertraulichkeit erzählt.

Ein einziges Mal hab ich allerdings an den Geschichten meines Freundes gezweifelt. Er hatte damals vielleicht gerade eine kritische Phase durchzustehen, und da neigt man ja bekanntlich dazu, zu dekompensieren. Wie ich einmal gehört habe, heißt das soviel wie den Realitätsbezug verlieren, ein bißchen spinnert werden eben. Oder mein lieber Freund hat einfach ein bißchen zu viel gebechert an diesem Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt, sowas soll es ja auch geben. Irgendetwas dieser Art muß es jedenfalls sein, denn normalerweise hat mein Freund hat überhaupt keine schizoiden Züge. Dafür ist er zu sehr Pykniker, und wenn man diesen Typenlehren glauben darf, sind Menschen mit solchem Körperbau dafür nicht so anfällig. Aber da kenne ich mich nicht so gut aus.

Trotzdem: Zu behaupten, Herr Lie ben-Goth hätte sich damals vor seinen Augen in Luft aufgelöst, halte ich für ziemlich abstrus. Wahrscheinlich ist er einfach in der Menge untergetaucht. Vielleicht hat er jemanden von der Fremdenpolizei gesehen.

Mir sieht das Ganze eher danach aus, daß sie ihn doch noch erwischt haben und abgeschoben. Jedenfalls wartet mein Freund seit mehr als einem Jahr immer wieder auf die Rückkehr von Herrn Lie ben-Goth, der hat ihm nämlich einmal sein Skatebord zur Aufbewahrung überlassen, genauer gesagt verschwand er wieder einmal auf diese typische abrupte Art, was ich persönlich ja nicht unbedingt als ein Zeichen guten Benehmens werte, aber andere Länder, andere Sitten.... Jedenfalls blieb das Skateboard einfach an das Brückengeländer gelehnt stehen und mein Freund hat es in seinen Keller gestellt zur Aufbewahrung. Sind ja teuer, diese Dinger. Aber bisher hat es Herr Lie ben-Goth scheinbar nicht für nötig befunden, es abzuholen. Seit längerer Zeit hört man überhaupt nichts mehr von ihm, sagt mein Freund und das macht mich traurig, weil mein Freund offensichtlich wirklich Sehnsucht hat nach diesem seltsamen alten Mann.

Vielleicht finden wir aber jetzt doch etwas mehr über diese ganze Geschichte heraus. Ich habe da neulich jemanden getroffen, der Lie ben-Goth kennt. Sieht aus, als wären die beiden Geschäftspartner.

Vorausschickend muß ich sagen, daß ich eine Marotte habe, die ich regelmäßig pflege. Nach Einkäufen oder Erledigungen gehe ich gerne noch auf eine Melange oder einen kleinen Imbiß, am liebsten in Cafes oder Restaurants, die einen angeschlossenen Beherbergungsbetrieb haben. Manchmal leiste ich mir sogar einen kleinen Drink in der Lounge eines besseren Hotels. Dort ist zwar alles ein wenig teurer, aber im Foyer oder an der Bar zu sitzen gibt mir einen Hauch von weiter Welt. Ich spiele sozusagen Urlaub und genieße die internationale Atmosphäre, beobachte Touristen und Gäste und denke mir dazu gelegentlich Geschichten aus.

In den letzten Monaten fiel mir dabei wiederholt ein Mann auf, den ich, so wie er aussieht, vorerst für einen Briten hielt: blaß, hochgewachsen und langknochig. Daß er mir überhaupt so nachhaltig im Gedächtnis blieb, liegt an einem anderen Faible von mir: Ich betrachte gerne Hände. Hände merke ich mir leichter als Gesichter, und auch in diesem Fall erregten die Hände früher meine Aufmerksamkeit als der dazugehörige Mann. Sie waren allerdings auch bemerkenswert. Genau von der Art, für die ich eine ausgesprochene Schwäche habe und die ich, sowie ich sie sehe, zeichnen oder berühren möchte: schmal, mit weißen, langen Fingern und geradezu gotisch. Hände wie auf den Gemälden El Grecos. Bemerkenswert eben. Hätte er andere Hände gehabt, es wäre mir nicht einmal aufgefallen, daß sich unsere Wege verhältnismäßig oft kreuzten.

Irgendwann ertappte er mich, wahrscheinlich habe ich zu oft und zu auffällig hingeschaut, aber es schien ihn eher zu amüsieren als zu stören, denn er nickte mir nachsichtig zu und blätterte weiter in dem bunten Journal, das er gerade las. Mittlerweile erkennen wir einander schon und grüßen uns gegenseitig mit Blicken und einem leisen Lächeln. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Anstand einen gesprochenen Gruß verlangt.

In einem kleinen Gasthof in der Krankenhausgasse -ich hatte davor eine kranke Tante im gegenüberliegenden Klinikum besucht- hörte ich nun neulich, wie er zur Rezeption gerufen wurde, weil ihn ein Herr ben-Goth am Telefon zu sprechen wünschte. Der Fremde scheint dort Stammgast zu sein, denn das Mädchen, eine junge Französin, schien ihn gut zu kennen. Offenbar heißt er Mister Mortimer, in ihrer Aussprache Mösjö Mort Timäär! Mösjö Mort Timeeeer! (Ach, ich liebe diesen melodischen Singsang und den französischen Akzent!)

Ich fragte mich, ob dies nun der Vor- oder Nachname war und hätte ja gerne im Gästebuch nachgeschlagen, um den ganzen Namen zu erfahren, aber einerseits hat man diese Bequemlichkeit ja aus Datenschutzgründen abgeschafft, wie ein mir befreundeter Schüler der Hotelfachschule kürzlich erzählte, andererseits tut man solches einfach nicht, nicht als halbwegs kultivierter Mensch und als Frau schon gar nicht. Es würde einem unweigerlich als Neugierde ausgelegt, und diese pflegt man doch eher im Geheimen und gibt sie nicht einmal sich selbst gegenüber zu. Zudem war es auch gar nicht nötig, zu diesem eher vulgären Mittel zu greifen, denn als ich bezahlt hatte und am Ecktisch des Fremden vorbeiging, war von diesem weit und breit nichts zu sehen, dafür lagen einige Visitenkarten neben seiner Lesebrille. Und auf denen stand der Name ohnehin.

"Mr. Mort Timer, Reisender und Reiseleiter"

Ich wollte schon eines der Kärtchen aufnehmen, aber eine unerklärliche Hemmung hielt mich davor zurück. Es wäre mir plötzlich vermessen vorgekommen, als dürfte ich es auf keinen Fall ohne sein Einverständnis tun. Außerdem kannte ich nun ohnehin die Identität des Mannes, und etwas in mir sagt mir mit Sicherheit, daß ich ihn nicht zum letzten Mal gesehen habe. Unklar ist mir nur, warum ich ein beinahe schmerzhaftes Verlangen habe, diesen Mister Mort näher kennenzulernen und mit ihm ins Gespräch zu kommen.

In gewisser Weise kann ich nun besser verstehen, wie es meinem Freund mit diesem Herrn Lie ben-Goth geht. Ich werde ihm erzählen, daß ich möglicherweise eine Spur entdeckt habe, wie er ihn ausfindig machen kann. 

Copyright: Eva Schoenbauer

E-Mail-Adresse:
eva.schoenbauer@aon.at

 
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