Die Mauerstraße entlang
  

Als ich eben nach Hause ging,
hatte ich einen Tagtraum:
Ich käme nicht von der Arbeit,
sondern wäre acht Stunden 

die Mauerstraße entlang geschritten,

an deren Rand,
sauber an die Ziegel geschlichtet,
unzählige tote Menschen lagen.
Seite an Seite.

Sie blickten mit leeren
Augen nach oben,
von wo die Bomben
auf ihre irakische Heimat fielen 

und nach Jahren der Diktatur
neue Keime der Gewalt und
des Terror säten.
 

Kilometer um Kilometer ging ich
die endlose Mauerstraße entlang - 
und dann noch einmal die
die gleiche schrecklich lange Strecke, 

gesäumt mit Verwundeten  
in ihrer doppelten Armut.
 

Sie stehen gebeugt, einbeinig, einarmig
und bitten um Wasser;
dazwischen die verkrüppelten Kinder
mit großen schaudernden Augen.

Unsäglicher Schmerz überflutet mich.

Mein kleiner Enkelsohn,
den ich unvermittelt an der Hand führe,
fragt warum wir nicht helfen.
 

Es sind die einzigen Worte
neben dem stillen Weinen
der Kinder und dem
tröstenden Singsang der Mütter.  

Ich wache auf.

Ich möchte jetzt nicht die Mörder
mit dem eingefrorenen Lächeln
in ihren feinen grauen Anzügen sehen, 
wie sie hinter der Mauer 

um Kurse feilschen
und das Geld zählen,
das ihnen dieses Leid einbrachte; 

und wie sie mit ihren
politischen Partnern
das nächste Bomberziel aushandeln 

für ein weiteres
einträgliches Spiel
mit dem Leben und dem Tod
unschuldiger Menschen.

 
 
 
Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

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