Mein lebendiges Wandbild

 

Niemand von uns hält sich gern in Wartezimmern auf, schon gar nicht in solchen von Ärzten. Ich befand mich unlängst jedoch in der Situation, meinen Hausarzt aufsuchen zu müssen und verbrachte zusammen mit mehreren netten Leuten schon länger als eine Stundedort. Denn es ist ein Arzt mit gutem Ruf und großem Zulauf.

Da betrat eine Frau den Raum, die mir sofort bekannt vorkam. Auch sie schien mich zu erkennen, weil sie mich anlächelte und ersuchte, auf dem freien Platz rechts neben mir Platz zu nehmen, von dem gerade ein Mann in die Ordination 2 gerufen worden war. Als sie mich dabei mit Vornamen grüßte und mir die Hand reichte, erkannte ich in ihr spontan die Dame, die mir vor mehreren Monaten bei einem Spaziergang am Donauufer in ineinem sehr netten Gespräch interessante Dinge über das Leben erzählt hatte,  die sich in der Zwischenzeit als triftig und wahr herausgestellt hatten. Und sie war wieder mit weißem Pulli und weißer Hose bekleidet, wie damals.

Augenblicklich fiel mir auch ihr Name ein, und dass wir von Anfang an per Du gewesen waren. „Na, das ist aber eine Überraschung, liebe Barbara. Ich freu mich sehr, Dich zu sehen. Aber was um alles in der Welt führt Dich hier her zum Arzt?“ Barbara hatte in mir nämlich den Eindruck eines völlig gesunden Menschen hinterlassen, wach, intelligent und sehr einfühlsam. Wegen ihrer weisen Antworten war sie mir sogar ein bisschen wie ein Engel erschienen. „Oh“, erwiderte sie leise, „ich kam deinetwegen. Denn du willst mich etwas fragen. Stimmt‘s?“

Nun war ich wieder so sprachlos wie damals bei unserer ersten Begegnung, als sie meinen Herzenswunsch erriet, die Welt einmal ein klein wenig mit Gottes Augen sehen zu können. Und nun hatte sie offenbar meine Gedanken verspürt, die sich schon die ganze Zeit mit der Frage beschäftigten, warum ich nicht ganz gesund bin, beziehungsweise warum es überhaupt Krankheiten gibt. „Du möchtest wissen, warum du einen Arzt brauchst und die Menschen nicht einfach alle ganz gesund sein können“, stellte sie fest. Ich stritt diese Gedanken nicht ab. Bei dieser Frau hätte das wahrscheinlich auch keinen Sinn gehabt.

Sie machte eine kurze Pause, räusperte sich einmal kurz und sprach mit ihrer melodiösen Stimme ganz nahe an meinem Ohr so leise weiter, dass niemand im Wartezimmer davon gestört sein würde. „Stell dir vor, lieber Walter, du malst an einem riesig großen Wandgemälde. Du beschäftigst dich dabei mit vielen Einzelheiten und versuchst, schließlich ein großes Ganzes zu erreichen, das deiner Seele genau entspricht. Nehmen wir an, du malst gerade an einer mittelalterlichen Szene, mit einem Schloss im Hintergrund, prächtig gekleideten Menschen, mit Bauern bei der Feldarbeit und mit ein paar Reitern in militärisch anmutenden Kostümen. Es ist gerade Erntezeit und eine freundliche Nachmittagssonne steht am Himmel.“ 

„Ist das ein Gleichnis, oder willst Du meine Fantasie anregen?“ „Lass dir Zeit“, erwiderte sie freundlich. „Nehmen wir an, du malst soeben an einer alten gebückten Frau ineinem Garten, der im Schatten eines alleinstehenden Hauses liegt.“ „Warum nicht an einer wunderschönen Prinzessin?“, warf ich ein.

„Oh, mein Lieber, da muss ich dir nun erklären, welche Bewandtnis es mit diesem großen Gemälde hat. Es ist ein Werk, an dem du viele Leben lang arbeitest. Wenn du wieder ein Gestaltungselement vollendet hast, trittst du zurück und beurteilst das Getane aus der Entfernung, wo du das große Ganze überblicken kannst. Das ist immer, wenn du stirbst und die Bindung mit einem Körper aufgelöst hast. So wirst du nach Fertigstellung der alten gebückten Frau zurücktreten und sehen, dass sie deinGesamtwerk eindeutig bereichert. Denn du hast eine Idee von der ganzen Komposition in dir und weißt intuitiv, wie man Licht und Schatten, hell und dunkel komponiert, in Verbindung mit den unzählig möglichen Farbnuancen und den Formen von Natur und Mensch. Diese gebückte Frau im derben Bauernkittel, an der du nun malst, wird den spannenden Gegensatz zur Prinzessin bilden, die du anschließend auf dem Weg neben dem Garten lustwandeln lassen wirst.Das gibt jene Spannung und Tiefe, welchedie Lebendigkeit deines Bildes weiter steigern.“

Das war ja eine sehr schöne Vorstellung. Auf eine solche Weise hatte ich das Leben und seine vielen Stationen noch nie gesehen. Denn das hieß ja, dass alles was ein Mensch erlebt, seinen Sinn und seinen Platz in dem hat, was er als Ganzes gestaltet. Ich erwiderte, indem ich ihr Argument aufnahm, scherzhaft: „So kann es also auch sein, dass ich mich ein Leben lang mit der genauen Darstellung eines Pferdeapfels abmühe und unglücklich darüber bin, etwas so Minderwertiges zu malen. Besonders wenn ich aus den Augenwinkel die Blumen und das Licht ringsum sehe…“ Barbara freute sich über mein Verständnis. „Ja, ganz richtig. Und du wirst es nicht glauben, du hast in einem deiner letzten Leben tatsächlich einen solchen Pferdeapfel gemalt, sehr sorgfältig sogar. Als du anschließend zurück tratest, hast du gesehen, wie gut er in die Gesamtkomposition passt. Er verlieh dem Gemälde genau an dieser Stelle so etwas wie ein schnippisches Gegengewicht zum strahlenden Ritter, der auf diesem Pferd saß. Die Dinge müssen auch immer ihren Kehrwert ahnen lassen, um am Ende ein großes Meisterwerk zu ergeben. Und du arbeitest in der Tat an einem großen Meisterwerk!“ „Das Werk, das mir völlig entspricht und alle Leben zusammenfasst, die es dazu brauchte? Habe ich dich verstanden, liebe Barbara? Und verhält es sich mit Krankheiten ähnlich? Sind sie die Schatten oder vielleicht gar einmal ein Pferdeapfel auf dem Weg?

Sie antwortete nicht sofort, sondern lächelte mich stumm an. Sie freute sich. Dann flüsterte sie mir ins Ohr: „Du hast dieses Gemälde mit der Darstellung der Prinzessin vollendet. Und dann darfst du an dem großen Himmelsbild mitgestalten, an welchem auch ich beschäftigt bin. Es ist räumlich, ohne Ende und ganz und gar voller Licht. Die Farben sind die Freuden der Seele, mit ihnen wirst du mitwirken, den Himmel so hell zu machen, dass er schließlich die ganze Erde erleuchten kann und mit ungetrübter  Freude erfüllen wird! Himmel auf Erden…“

Als ich mich sehr herzlich bei ihr bedankte, rief die Sprechstundenhilfe gerade meinen Namen auf. Ich erhob mich, drückte ihr die Hand und wünschte ihr alles Gute. Aber benötigen Engel überhaupt Wünschefür das Gute? 

„Ja, Walter, wir freuen uns über jeden guten Wunsch wie alle Geschöpfe Gottes!  Denn wir sind alle eins.“

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 
 

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