Alexanders Glücksstern


Alexander war nicht wundergläubig. Als Beamter einer Sicherheitsbehörde trachtete er nach Ordnung der Verhältnisse, nach Überschaubarkeit und Rechtschaffenheit. Keine Frage, daß er auch unbestechlich war, so wie alle seiner Kolleginnen und Kollegen, von äußerst seltenen Ausnahmen abgesehen.  

Heute war es dennoch ein wenig später als sonst geworden, als er von der Gesangsprobe nach Hause ging. Beim Kirchenchor des Kleinstädtchens, in welcher er seinem Beruf nachging, lebte er seine musischen Veranlagungen aus. Man hatte heute den Geburtstag der Chorleiterin gefeiert, einen runden Geburtstag noch dazu. So mag es ohne weiteres schon auf Mitternacht zugegangen sein, als Alexander die letzten Häuser des Ortes verließ und seinem Einfamilienhaus zustrebte, das in einer kleinen Siedlung, etwa zwei Kilometer von hier entfernt, lag. Seine Frau würde nicht schimpfen, das wußte er. Es war eine wunderbare Frau, mit welche er dort zusammen mit zwei Kindern lebte. Sie neigte von Natur aus nicht zu Streit und Zank. Und Chorproben pflegen nun einmal von Natur aus nicht immer zur selben Zeit aufzuhören. 

Die Nacht war mild und schön, der unbewölkte Himmel ließ tausend Sterne funkeln. Da ließ es sich schon wirklich himmlisch dahinwandern. Er genoß die kühle Stille der Nacht, in seinem Inneren klang nach, was er heute gesungen hatte; und wohl auch noch ein wenig die Feier.  Leise pfiff er vor sich hin und schlug bei der Weggabelung ganz spontan den Mühlenweg ein. Diesen benutzte er gewöhnlich nur selten, weil er einen Umweg bedeutete und vor allem in der Nacht etwas unheimlich wirkte. Da hier aber keine Straßenbeleuchtung das Licht der Sterne und des halben Mondes schluckte, konnte er sich nun der Schönheit des Himmels vollständig hingeben.  

Es war ganz natürlich, daß die Sterne in dieser Dunkelheit, abseits von den Straßenbeleuchtungen, besonders hell und deutlich am Himmel standen. Alexander liebte Sterne, seit er sie als Kind das erste Mal bewußt wahrgenommen hatte. So wanderte er langsam weiter und fühlte sich ausgezeichnet, auch wenn ihn eine leichte Erregung begleitete, die gern in Erscheinung tritt, wenn wir gewohnte Pfade verlassen. Es handelte sich um jene Art von leichtem Prickeln, das uns ganz wach macht, unsere Sinne schärft und unseren Geist aufnahmefähig für das Außergewöhnliche macht. 

Als er nach etwa zehn Minuten einmal innehielt, um die funkelnde Pracht des gestirnten Himmels ganz in sich einzulassen, fiel ihm auf, daß sich eines der kleinen Himmelslichter von seinem Standort löste und langsam über den Himmel,in seine Richtung, schwebte. Alexander dachte, es wäre wohl ein Flugzeug, das er erst jetzt bemerkt hätte, oder ein Satellit. Eher ein Satellit, weil das Licht ja nicht blinkte. Sternschnuppe konnte es keine sein, weil diese viel rascher über den Himmel rauschen und schnell verglühen.

Konnten Satelliten aber Bögen fliegen? Dieses Licht dort im Osten des Himmels, das sich ihm näherte, beschrieb deutlich einen Bogen und nahm an Leuchtkraft zu.

Was immer da auf ihn zukam, war nicht einfach entstanden, indem es in die Erdatmosphäre eintauchte und zu glühen begann; es stand vor drei Sekunden noch fest und klar als Stern am Himmel. 

Eigentlich hätte ihm unheimlich werden müssen, wie es immer geschieht, wenn unser wackerer Verstand nicht sogleich eine Erklärung liefern kann. Alexander entwickelte jedoch keinerlei Gefühle in diese Richtung. Er empfand ganz im Gegenteil so etwas wie eine Hochstimmung. Da kam ein Stern auf ihn zu. Wie oft erlebt man schon, daß sich ein Stern anschickt, einem Menschen seinen Besuch abzustatten! 

Schon setzte er zur Landung an. Saubere Linkskurve, Gegenanflug und ein sanfter schwebender Halt, direkt vor ihm. Interessanterweise erschien er ihm weder riesengroß noch rund, und auch nicht von gleißender Helligkeit. Genau das hätte sein Verstand von einem Stern gefordert, der vor wenigen Sekunden noch am Himmel stand. Der Stern kümmerte sich nicht um seinen Verstand.  

„Ein wunderschöner Abend, nicht wahr, mein Freund, begann er höflich. Wie geht es Dir?“  „Oh“, entgegnete Alexander, „danke, ganz ausgezeichnet. Willkommen auf meinem Planeten. Dies ist die Erde. Und ich bin Alexander.“  

„Natürlich, weiß ich, wo ich bin, Alexander. Schließlich bin ich dein Glücksstern. Dein persönlicher Glücksstern. Das wirst du doch wissen, nicht wahr!“

Alexander hatte seine Kinderwelt niemals ganz abgelegt. Er entdeckte selbst im normalen Alltag, wo andere über den ewigen Trott schimpften, Wunder über Wunder. Zum Beispiel erschien ihm die kleine Stadt, wo seinem Tagwerk nachging, an jedem Morgen anders und neu. Niemals herrschte dasselbe Licht, jeden Tag entdeckte er eine neue Seite an ihm. So ängstigte ihn diese Lichterscheinung keineswegs. Ein Kind, das ebenso in einer Welt voll Wundern lebt, würde sich bestimmt auch nicht gefürchtet haben. Warum sich also nicht über seinen Glücksstern freuen? 

„Mein Glücksstern -  schön, daß ich dich einmal sehen darf. Gespürt habe ich dich schon seit Kindheit an; möglicherweise schon zuvor. Ist wirklich nett, daß du einmal persönlich vorbeischaust. Kann ich bei dieser Gelegenheit .... etwas für dich tun? Dir eine Geschichte erzählen vielleicht.....Oder dich mit meiner Familie bekanntmachen?“ 

„Sehr freundlich, Alexander, ich weiß daß du sehr nett bist. Und ich kenne deine Familie, deine Freunde, deine Kollegen. Ich war es schließlich, der dich mit ihnen zusammenbrachte....“

Naja, das mochte etwas übertrieben sein. Daß er einen Glücksstern besaß, war ihm immer bewußt gewesen, aber seine Freunde und seine Frau, also das war schon seine eigene Sache, die hatte er sich selbst ausgesucht. Er wollte aber nicht unhöflich sein oder gar widersprechen. Außerdem, so ganz genau wußte man es ja wirklich nicht..... Was weiß man denn schon in Wahrheit? Der Glücksstern fuhr freundlich fort: „Du mußt wissen, jeder von uns Glückssternen hat 777 Wesen zu betreuen, auf 777 verschiedenen Welten. Auf diesem blauen Planeten bist es du. Übrigens wußtest du, daß die Erde mit Sicherheit zu den schönsten zehn davon zählt? Einmal im Leben dürfen wir unseren Schützlingen leibhaftig erscheinen und sie um einen Wunsch fragen. Was ist dein Wunsch, lieber Alexander, Schützling auf dem schönen blauen Planeten Erde?“ 

Nun war Alexander tatsächlich überrascht. Ein Wunsch, einen Wunsch hatte er frei. Das war ja fast wie in den Märchen. Ja, das mußte ein Märchen sein. Gut, das hier war ein Märchen. Er schätzte selbst im Erwachsenenalter diese Kindergeschichten. Erst jetzt verstand er die Botschaften und Weisheiten, die darin verschlüsselt waren. Es steckte oft mehr Wirklichkeit in diesen Märchen als in den Zeitungen eines ganzen Jahres zusammengenommen!

Und er war der Hans im Glück, war Aschenputtel, Sterntaler, Goldmarie, Schneewittchens Prinz ..... Zugleich fielen ihm aber die Warnungen aus den Geschichten ein, wo die Leute ebenfalls einen Wunsch frei hatten, oder manchmal sogar drei Wünsche. Brachten sie sich nicht immer damit in Schwierigkeiten? Er dachte an die lange Nase, die einem unbedachten Wunsch entsprang und mit dem letzten der Wünsche gerade noch auf die normale Größe reduziert werden konnte.  

Alexander wiegt den Kopf hin und her. Sein Glücksstern strahlte ihn warm und geduldig an. Einen Wunsch? Ja, was wünschte er eigentlich immer schon: Gesundheit für sich und die seinen, Frieden in seiner engeren und weiteren Umgebung, Glück, Freude, Reichtum.....

Erleuchtung – sollte er sich Erleuchtung wünschen, das Ziel aller menschlicher Veranlagung, die Summe allen Strebens und Handelns? Sollte er sich wünschen, den lieben Gott zu verstehen. Das war seine heimliche Sehnsucht in den letzten Jahren. Oft und oft gestattete er sich, seine menschlichen Denkgewohnheiten loszulassen und mit den Augen Gottes zu sehen, mit seinen Ohren zu hören.... Ein großer Wunsch, das wäre wohl ein großer Wunsch, daß ihm das nicht nur in seltenen Glückssekunden gelang, sondern daß er ihm mit ihm verbunden wäre. Sein größter Wunsch, ja, das war sein größter, allergrößter Wunsch! 

„Nun, also denn, lieber freundlicher Glücksstern, kannst du mir meinen größten Wunsch erfüllen?“

„Du meinst den mit dem lieben Gott?“

„Ja, den mit dem lieben Gott, du weißt.“

„Ich weiß, mein Freund, ich weiß. Willst du dir nicht etwas anderes aussuchen als die Augen und die Ohren Gottes? Es gäbe noch so vieles andere, das wünschenswert wäre!“ 

Alexander nickte. „Ja, ganz bestimmt. Die Welt ist voll von Wünschen. Genau genommen ist sie nichts anderes, als die Summe der Wünsche aller lebenden Wesen. Die Welt ist die Folge von allem was wir je wünschten!“ Alexander war glücklich, das mit einem Male zu verstehen. Begeisterung ergriff ihn. „Sag mir, mein lieber Glücksstern, ist es nicht so, daß ALLE Wünsche erfüllt werden, und ist diese Welt nicht genau das, was uns unseren Wünschen entstand und ständig weiter entsteht. Erfüllen sich einem nicht im Lauf der Äonen sämtliche Wünsche - zwangsläufig?“ 

In diesem Augenblick leuchtete Alexander ein, daß alles gut war wie es war. So verschieden die Erfahrungen auch sein mochten, die Menschen je angestrebt hatten, ihnen gingen sets Wünsche voraus. Ob Mord und Krieg, ob die Kraft zum Heilen und Segnen, immer wünschen sie etwas zu bewirken. Und alle Wünsche weisen den Weg nach Hause, zur Einheit. Trennung und Verschiedenheit mußten erfahren werden, um die selbstverständliche Wahrheit der Einheit in all ihrer Fülle wertschätzen zu können. Streit läßt Versöhnung süßer erscheinen. Armut, Krankheit und Hunger öffnen die Wahrnehmung für den Segen der Fülle im eigenen Inneren. Alles ist gut, wie es ist.

Er könnte sich alle Wünsche der Welt wünschen – und es würde sich nichts ändern. Er konnte auf jeden Wunsch verzichten, und auch das würde nichts ändern. 

„Alles ist, wie es ist, mein guter Glücksstern. Ich segne dich für deinen Schutz und für die Freude, die du mir bringst. Ich habe keinen Wunsch an dich. Es ist alles gut, wie es ist. Ich bin vollkommen glücklich!“ 

„Alexander, mit wem sprichst du da?“  Seine Frau stand plötzlich vor ihm, im Morgenmantel. „Ich wurde wach, weil ich dich im Garten sprechen hörte. Was tust du da vor unserem Gartenlicht. Hast du getrunken. Komm herein, leg dich nieder, es ist schon einiges nach Mitternacht, mein Guter....“

Wie schon erwähnt, Alexander war mit einer wundervollen Frau gesegnet. Sie nahm ihn sanft an der Schulter und geleitete ihn ins ruhige schlafende Haus. Die Gartenlampe würde sich von allein ausschalten; ebenso wie sie bei Annäherung in der Dunkelheit von selbst aufleuchtet.

Alexander küßte seine Frau innig und sehr dankbar. „Nein“ sagte er, „ich habe nichts getrunken, aber es ist eine wunderschöne Nacht heute, meine Liebste!“

Und sah dabei nochmals zur hellen Gartenlampe zurück, bevor seine Frau die Tür hinter ihm schloß.

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 

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