Die Begegnung 
 

In den meisten Science-Fiction Geschichten haben die Begegnungen mit Wesenheiten außerhalb unseres blauen Mutterplaneten die Anwendung von Maschinentechnologien zur Grundlage. Das verstehen wir Menschen dieser Epoche am besten, weil wir uns auf die Dominanz des materiellen Teils der Schöpfung geeinigt haben. Der Kosmos ist groß. Viele Zivilisationen haben sich völlig anders entwickelt oder die Stufe der materiellen Bedingtheit lange durchlaufen. Das Verblüffendste daran ist aber, dass mit großer Wahrscheinlichkeit Menschen auf unserer Erde leben, die fallweise oder regelmäßig Kontakte zu anderen Bewohnern des Universums haben. Ich weiß es. Denn ich bin einer von ihnen….    

* * * * * 

Ich schwebte sacht auf eine unermesslich große Ebene herab und verharrte in angemessener Entfernung. Die Ebene bestand aus einem völlig glatten, leicht schimmernden Material von einer anthrazitartigen Tönung und ließ nirgends ein Ende erkennen. Irgendein anderer Gegenstand war nicht zu sehen in dieser Welt, weder gab es eine Erhebung noch einen Hügel, einen Baum, einen Strauch oder gar ein Gebäude. Auf dieser Fläche, etwas links vor mir befand sich in völliger Stille ein Wesen. Es besaß die Form eines Menschen und saß im Lotossitz, etwa wie die Yogis in Indien oder die Boddhisattvas in Tibet.  

Die Ebene war nirgends begrenzt. Es gab nur sie. Und diese in sich ruhende Wesenheit. Vielleicht waren es gigantische Dimensionen, wobei sie auf der Fläche gut und gern viele Kilometer hoch aufgeragt haben mochte, vielleicht sogar tausende Kilometer. Genauso gut kann alles aber auch klein oder sehr klein  gewesen sein und es waren nicht Kilometer sondern nur Millimeter.

Diese Frage habe ich ohnehin nie lösen können. Im Augenblick der Begegnung stellte sie sich auch nicht. Es war wie es war.  

Es herrscht eine wohltuende beglückende Stille, sie ist von wohltuender Lebendigkeit getragen. Von der Wesenheit strömt natürliche Würde und Anmut aus. Ich fühle unzweifelhaft, dass sie mich wahrgenommen hat, obwohl ich mich in ihrem Rücken befinde. Zuneigung durchflutet mich. Der Kontakt ist klar und erfüllend. Kommunikation? Ja. Direkt und unmittelbar, ohne Worte, ohne Logik einer Aufeinanderfolge, ohne Kausalität.  Das mit dem Verstand zu durchleuchten, ist mir bislang noch nie gelungen. Es waren nicht Gefühle, nicht Gedanken, nicht Inhalte, und doch alles davon, ein enormer Reichtum, der mich selig machte.  

Mit einem Mal weiß ich, womit ich der Wesenheit große Freude bereiten kann. Sie weist oben, wo sich die Scheitelkrone des Kopfes befindet, eine tiefschwarze kreisrunde Öffnung auf. Diese stellt ihren Mittelpunkt dar. Es entstand keine Frage nach Zweck, Beschaffenheit oder Umstand.  

Ich nahm einen weißen sehr zarten feinen Seidenschal und legte diesen von hinten langsam und sanft über die Öffnung nach vorn. Der Schal bzw. diese feine Schärpe stellt einen Aspekt von mir dar. 

Daraufhin sprach die Wesenheit in meinem Geist einige "Worte". Drei oder vier kurze Silben. Es war sein Name, den es mir schenkte. Das ist das Wertvollste, das es zu schenken vermag. Ich war von Dankbarkeit erfüllt. So verharrte ich eine bestimmte Zeit sehr glücklich ganz nahe. Dann entfernte ich mich wieder allmählich nach oben. Die Wesenheit unter mir wurde kleiner und kleiner, die weiße Schärpe leuchtete lang auf der dunklen Öffnung. Unaussprechlicher Frieden erfüllte mich.  

* * * * * 

Gleich nach meiner Rückkehr in das vertraute Wohnzimmer wollte ich die Silben des Namens niederschreiben, welche mir die Wesenheit anvertraute. Es gelang nicht. Ich bin aber sicher, dass es für Menschen akustisch aussprechbare Silben sind. Er/sie/es hatte sie meiner menschlichen Seinsform angepasst. Nur: ich hatte sie völlig und restlos vergessen.  

Nie mehr in diesen vielen Jahren ist auch nur ein Teil der Silben in der Erinnerung aufgetaucht. Ich versuche natürlich nicht mehr, sie zu erhaschen. Vielleicht war es ein Name, der nur für das Jetzt und das Hier galt und den man nirgendwohin mitnehmen kann. Ich habe auch oft nachgedacht, ob seine Lebensform sich in ihm allein erschöpft, oder ob er Teil einer Gemeinschaft sei. Natürlich fand ich auch hier keine Lösung, neige gefühlsmäßig aber eher dazu, dass er/sie/es so etwas wie eine Singularität sein muss. Vielleicht ebenso wie die weite Ebene. Irgendwo. Nirgendwo. 

Wir Menschen erzeugen gern Zeit, pflegen Erinnerungen und Erfahrungen aus der Vergangenheit, schmieden Pläne für die Zukunft. Ich bin ein Kind dieser Menschen und halte die Begegnung als Erinnerung aus der Vergangenheit nach wie vor sehr hoch. Vielen anderen Wesen bin ich seither ebenfalls  in ähnlicher Weise begegnet. Zumeist, indem ich einer von ihnen war. Kommunikation kann auch durch unmittelbare Gestaltung erfolgen; in einer Art von Modifikation des Vorhandenen. Ich war schon Insekt unter Insekten, oder ein Wesen in der Tiefe des Wassers, in einem System  von Höhlen mit sehr niedrigen und breiten Eingängen. Es war wohnlich für mich. Und ich kannte die „Leute“ um mich herum. Vielleicht war ich ein ganzes Leben dort, vielleicht mehrere. Zeit ist in Wahrheit ja nur eine Haselnuss, das Wichtige steckt unter ihrer gekrümmten Schale….  

Manchmal bin ich auch nur Beobachter ohne eigenen Status, ohne Kontakt. Zum Beispiel erlebte ich einmal eine Gemeinschaft von sehr gemütvollen Wesen, die wie Menschen aussahen und uns auch vom Wesen her ähneln. Es zeichnet sie jedoch eine Angewohnheit aus, welche sie von uns denn doch etwas unterscheidet: Wenn sie sehr glücklich sind, klappen sie beim Gehen die Beine zur Seite. Ich sah eine kleine Gruppe einen Berg hinaufgehen. Dabei unterhielten sie sich köstlich – und schwups waren die Beine zur Seite geklappt. Etwa dreißig Grad, alle in eine Richtung. Das sieht sehr lustig aus und man muss mitlachen. Denn man merkt erst gar nicht, dass sie schweben. Diese Menschen lieben übrigens Berge sehr und siedeln sich nie in flachen Gegenden an.  

Zurück zu meinem Freund der Ebene. Ich schilderte die Begegnung deshalb so genau, weil sie für mich die Wichtigste von allen war. Die einzige, derer ich mich nicht erinnere, sondern die mir immer gegenwärtig bleibt, wenn ich daran denke.  

Vielleicht begegnet jemand von den Lesern dieser paar Zeilen ihm/ihr irgendwann einmal. Richtet dann schöne Grüsse von mir aus. Und nehmt einen weißen Seidenschal mit. Danke!

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 

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