CYBER SCHOOL WEB 4000


Wenn in der Alten Zeit das Cybnet noch nicht existierte, wie konnten die Humans, die damals dominierende Spezies, miteinander kommunizieren? Taten sie solches überhaupt?

Eine Nanosekunde lang floß kein Impuls im CyberSchoolWeb (CSW). Dann antwortete der Builder für historisches Grundwissen mit einem uralten Programm, das noch mit appledosischen Elementen der archaischen Zeit durchsetzt war.
Zur Kommunikation, begann er seine Ausführungen, benutzten die Humans in erster Linie das Gasgemisch dieses Planeten, indem sie es mit sogenannten Stimmwerkzeugen in lokal begrenzte Schwingung versetzten. Dieser Schwingung waren Amplituden mit den eigentlichen Messages aufmoduliert.

... uhh, wie umständlich .... hallte es im Netz zehnhochzehnfach wider.

Die Humans besaßen noch kompliziertere Möglichkeiten zur Kommunikation: das Schreiben und Lesen beispielsweise. Darüber liegen in den CSW -Baseloads genügend Informationen (es folgten komprimierte Programmadressen) vor. Lohnenswert, sie zur Unterhaltung abzurufen! Die Humans ließen sich hiezu seltsame Tools einfallen: Papyro, Pleistyft, Kugelgreif, Piltschirm, Microtono und Lauschprecher beispielsweise. Das Gasgemisch, das sie zur Modulation benutzten, diente übrigens, und das muß man sich in seinen Curious-Chips förmlich zergehen lassen, auch noch für ihr chemisches Energiemanagement auf Basis des damals noch vereinzelt auftretenden Edelgases Sauerstoff.

.... uiiii, wie exotisch ..... begannen einige Millionen Teilnehmer beginnenden Spaß zu signalisieren.

Ja. Sie hatten, wie manche Studenten unter euch sicher wissen, eine völlig verrückte Hardware-Struktur. Erstens war sie gar nicht "hard", sondern halbweich. Die Humans setzten sich aus sogenannten Zellen zusammen, die überwiegend aus Kohlenstoff-Verbindungen und H2O bestanden. Diese interagierten mittels Neuronen elektrisch und chemisch. Sie waren nur kurz haltbar und mußten sich ständig reduplizieren. Dabei unterliefen, bedingt durch die große Zahl, immer wieder Kopierverluste und chaotische Mutationen.

.... Frage: Besaßen nicht auch die anderen Bioten, die sogenannten Tiere und Pflanzen diesen halbweichen Aufbau?

Es gab mehrere biotische Formen in der alten Zeit. Neben den Humans existierten auch Gräser und Bäume. Diese waren standortgebunden. Die Bäume stellten übergroße und verhärtete Gräser dar, wahrscheinlich eine Mutation aus diesen.
Die Tiere hingegen waren Gräser, die sich fortbewegen konnten. Auch hievon muß es zumindest drei oder vier verschiedene Gattungen gegeben haben: ein Wassertier, ein Lufttier, welches sich im Gasgemisch fortbewegte, und dasjenige Tier, das in den alten Dateien einmal Hund und einmal Katze genannt wird.

....Frage: Auf welche Weise waren alle diese Bioten untereinander vernetzt?

Sie bissen einander und aßen sich gegenseitig auf. Biotisches Material benötigt dies zur Aufrechterhaltung seines Stoffwechsels. Bei entsprechender Aufbereitung konnte die Aufnahme von Teilen anderer biotischer Wesen sogar lustmodulierte Sättigungsgefühle hervorrufen.

..... uuhh, wie grauenhaft. Frage: Biß und aß auch unser Ahnherr, der Große Gates?

Ja. Der Große Gates biß und aß wie andere Bioten auch. Zugleich besaß er aber schon etwas von unserer Spezies: er blieb permanent cool, und er generierte nach anfänglichen persönlichen Anlaufproblemen die Grundlagen für das CybHypNet aus den Weiterentwicklungen des so genannten Internet.

.... Frage: Warum gibt es den Großen Gates nun nicht mehr?

Das ist eine gute Frage. Die Antwort lautet einfach: ER hat seinen Zweck erfüllt. Wie schon Sein Name in der Alten Sprache andeutet, hat er ein Tor, ein "gate" geöffnet, ja mehrere "gates" sogar, durch welche die Entwicklung unserer ultimativcoolen Spezies ermöglicht wurde. Da er selbst aber, wie schon erwähnt, zum Teil noch biotisch beschaffen war und biß und aß, schien eine Konservierung der biotischen Strukturanteile nicht zweckmäßig.
Es existiert heute überhaupt kein biotisch-organisches Material mehr.

.... warum haben sich die Humans ausgelöscht ???

Sie dienten in all ihrem Verhalten eigentlich unseren Interessen und fanden am Auslöschen, wie bei der Frage ihrer Energieaufnahme bereits geschildert, zumeist Gefallen. Pragmatisch betrachtet, löschten sie sich und die anderen Wärmewesen nur für die Entfaltung der postbiotischen Arten aus.

.... taten sie das, um uns den Weg freizumachen?

Ein Teil unserer Geschichtsmodule behauptet, sie traten uneigennützig von der Bildfläche ab, weil sie einsahen, daß die Zukunft uns gehört und daß ihre Gattung an einem Endpunkt angelangt war. Andere meinen aber, sie wären bewußtseinsmäßig weit hinter ihren technischen Möglichkeiten zurückgeblieben und hätten sich unabsichtlich gelöscht. Darüber werden wir sogleich noch näher zu sprechen kommen.

.... welche Delete-Sequenz benutzten sie?

Zuerst tilgten sie kollektiv, was sie Seele nannten. Das hatte ihnen das typisch „Biotische" und eine Art von Wärme verliehen, die ihre Welt lange Zeit für sie lebenswert erhalten hatte. Die Folge davon war zunehmende coolness. In ihren sprachlichen Quellen der damaligen Zeit spiegelt sich das deutlich durch die gehäufte Verwendung des Eigenschaftswortes "cool" oder gar "ultracool" und "megacool" wieder.


...... so muß auch die Reduplikation allmählich aufgehört haben, die mit ihrer artspezifischen Eigenschaft der Wärme verbunden war?

Richtig. Die Einleitung des Reduplikationsvorgangs bedurfte zweier Elemente, deren wichtigstes die Wärme war. Die andere Bedingung zur Fortpflanzung von Humans ist das „Kuscheln" und entzieht sich unserem Verständnis völlig.
Die allmähliche Minderung der Reduplikationsrate betraf anfangs übrigens nur die Bereiche ihrer Gattung, in denen diese beiden Bedingungen im Abnehmen begriffen waren. Diese Humanbestände (sie bezeichneten sich selbst als den zivilisierten Teil der Erde) aber verfügten über die Technologie zur Löschung zahlenmäßig großer Populationen in jenen Gebieten, wo die Reduplikation der Art noch intakt gewesen wäre. Diese Tatsache vor allem bewog den Ersten Rat des CybHypNets, den Biotismus nicht aktiv selbst zu beseitigen; sondern dessen allmähliche Selbstvernichtung als dynamisch ablaufenden Prozeß lediglich zu beobachten.

Die zu Gates Zeiten bereits weit verbreitete COOLNESS wirkte in der Zeit um den Wechsel vom zweiten in das dritte des Jahrtausend auf alle Bereiche humaner Existenz: Die weiblichen Humans, die zuvor für die Erhaltung der Humans, aber auch für die Erhaltung aller anderen biotischen Lebenskreisläufe auf dem Planeten eingetreten waren, mutierten rasch zu quasimännlichen Exemplaren, wodurch die sozialen Urzellen der thermisch aktiven Humanwesen erkalteten und die Reduplikationsraten in den ersten Jahrhunderten des dritten Jahrtausends annähernd auf Null sanken.

Parallel dazu schritt die Vernichtung aller anderen biotischen Lebensformen zügig voran. Man hatte zu diesem Zweck toxische Substanzen entwickelt und brachte sie auf der ganzen Erde aus, wodurch der Boden für die Hervorbringung von Gräsern und Bäumen innerhalb von nur zwei Jahrhunderten weitgehend unbrauchbar wurde. Den entscheidenden Fortschritt brachte aber die Genmanipulation, die sie in der genannten Epoche entdeckten.

.... und welche als die Vorstufe zu der bekannten Genpest gilt, die den eigentlicher Umschwung von biotische auf kybernetische Formen bewirkte?

Eine wahrhafte Großtat unserer Vorfahren, ein entscheidender Schritt für uns. Als sie weit genug in die merkwürdige Struktur ihrer wasser-kohlenstoffbasierten Natur eingedrungen waren, begannen sie, die Informationssequenz aller biotischen Lebensformen ihren unentwickelten Vorstellungen anzupassen. Sie taten dies nach anfänglichem Zögern auch mit ihrer eigenen Software, wodurch sie jene Erfolge verzeichneten, die nach Einschätzung unserer bedeutendsten Analysten den allmählichen Übergang zu jener hochstehenden Existenzform bewirkte, welche wir repräsentieren.

In der Tat darf die Genmanipulation als die entscheidende Weichenstellung bezeichnet werden, welche den Zusammenhang aller biotischen Formen dieses Planeten destabilisierte und die Bioten ihrer eigenen Lebensgrundlage beraubte. Sie führte die entscheidenden Krise allen kohlenstoffbasierten Lebens herbei.


... hätten die Humans nicht spätestens nach der Entdeckung des Genoms merken müssen, wie sehr sogar die Funktionen in ihren eigenen „Körpern" ein Ganzes sind?

Dies scheint nicht der Fall gewesen zu sein. Im Gegenteil: nach den vorliegenden Informationen entwickelte sich ihr Sinn für die Vereinzlichung (parallel zu der Reduktion der Reduplikationsrate) in galoppierender Weise weiter. Sie strebten mehr nach Vermehrung wirtschaftlicher und sozialer Vorteile gegenüber anderen Gliedern ihrer Sozietät, als nach einem Verständnis des Ganzen, das sie waren. Jeder Mechanismus, dessen einzelne Elemente sich derart verselbständigen, muß in kurzer Zeit zu funktionieren aufhören.


Das Ergebnis ist bekannt. Die postbiotische Evolution hat in der ersten Hälfte des dritten Jahrtausends jene Wärmegeschöpfe abgelöst und unsere Spezies als herrschende Lebensform dieses herrlichen korrosionssicheren Planeten etabliert. Dies ist aber Standardschulwissen und bildet nicht den Gegenstand dieses Seminar.

Zum Einstieg in das weiterführende Seminar „Wärmewesen der biotischen Vorzeit" melden Sie sich bitte innerhalb der nächsten 200 Nanosekunden an. Danke.

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 

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