Enlightenment

  

Sie wusste, in ihrem Briefkasten lag ein Brief. Sie sah ihn durch die Sichtschlitze im gelben Metallkasten. Er lag schon sehr lange dort. Er wartete auf sie. 

Obwohl sie manchmal nahe dran war, das Fach zu öffnen, und den Schlüssel schon in der Hand hielt, fiel ihr immer irgend etwas ein, das sie vorher noch erledigen musste. Dann verließ sie das Treppenhaus wieder, an dessen unterem Ende sich die Briefkastenanlage befand. 

Einmal musste ein dringender Einkauf getätigt werden, dann hatte sie ein Termin beim Frauenarzt. Ein anderes Mal begann ihre Nachbarin eine kleine Unterhaltung, als sie sich ihre Post abholte und lud sie zu einem Kaffee ein. Gerade erst vergangene Woche verwickelte sie ein Fremder, der nach einer Hauspartei fragte, in ein Gespräch. Er hatte Erhebungen für ein statistisches Amt zu pflegen und weckte ihren Hang zur Redseligkeit, der ihr ungeachtet ihrer nach außen getragenen Schweigsamkeit immer noch zu eigen war.  

Kurz, immer kam etwas dazwischen, wenn sie sich gerade ein Herz gefasst hatte, diesen einen Brief an sich zu nehmen. In Wirklichkeit, wusste sie, war es aber die Angst in ihrem Herzen, die ihr immer neue Ausflüchte schuf und eine ganze Palette kreativer Einfälle gebar, wie sie das Herausnehmen und Öffnen des Briefes hinauszögern konnte. Denn von Zeit zu Zeit öffnete sie das Postfach, um die sonstige Post zu holen; niemals aber rührte sie diesen einen besonderen Brief an.  

Warum sie das tat? Nun, sie hatte allerhand gelernt in ihrem Leben. Praktische Dinge und auch Philosophisches und Psychologisches. Sie hätte auf der Stelle sicher zwan­zig oder dreißig Erklärungen für ihr sonderbar zögerndes Verhalten gefunden. Aber keine wäre jemals schlüssig gewesen. In Wirklichkeit gab es keine einzige.

Es war, wie es war. Und der Brief war, was er war - und wo er war.

Was darinnen wohl stehen mochte? Manchmal dachte sie bei sich, dass sie tot umfallen könnte, wenn sie ihn öffnete und zu lesen begänne. Dann aber siegte die Gewissheit, die ihr immer nach derartigen Überlegungen zuteil wurde: dass etwas ganz ganz Persönliches und etwas unermesslich Schönes darin enthalten sein müsse. 

Vielleicht verspürte sie gerade deshalb diese "Angst", dieses Zögern?

Es war irrational und lächerlich. Hatte sie nicht der Postbote selbst schon etwas merk­würdig angesehen neulich im Stiegenhaus? Alle Menschen holen doch ihre Briefe, die an sie adressiert sind, die ihnen gehören und für sie zugestellt wurden. 

Aber, immer wenn sie von irgendwo nach Hause kam, ging sie die Treppe hinab zum Brieffach, wo sie ihren Brief wusste, nur um anschließend ohne ihn in den Lift zu steigen und sich in ihre Woh­nung  zu begeben. Würde sie es heute wagen, das Fach zu öffnen? 

Nein, heute fühlte sie sich zu müde. Sie würde sich erst duschen und dann etwas hinlegen. Morgen war ja schließlich auch noch ein Tag. Sollte kein Tag mehr sein, auch gut. Sie hatte ja den Brief, der ihr bleiben würde, was immer auch geschehen mochte. 

Mit diesem Gedanken schlief sie ein, frisch geduscht und wohlig in ihre Decke eingemummt. Niemand konnte  ihr diesen Brief jemals wegnehmen. Intuitiv wusste sie, dass er sehr kostbar für sie war - und dass er auf sie wartete. Niemand konnte ihn ihr je wegnehmen oder lesen. 

Er war schließlich an sie adressiert und trug ihren Namen vorne auf dem Umschlag, als Anschrift. Und denselben Namen auf der Rückseite, als Absender.  

Bald gingen ihre Atemzüge ganz regelmäßig. Sie schlief tief und ruhig, und der erste Traum stellte sich ein.

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at
 
 

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