DER GESTALTER


Manchmal beschäftigen uns Dinge des wirklichen Lebens so sehr, daß wir uns von ihnen selbst in den Träumen gefangen genommen fühlen, wenn auch zumeist in verschlüsselter und „unverräterischer“ Weise. In den meisten dieser Fälle wollen wir es uns gar nicht eingestehen, daß uns etwas mehr in Atem hält, als es in einer Zeit, wo cool sein alles ist, schicklich wäre. Manche Ereignisse oder Begegnungen erschrecken uns in Form von Tigern oder großen Maschinen, Labyrinthen oder Gespenstern oft so sehr, daß wir davon sogar aufwachen.

Ich selbst bin besonders leicht zu beeindrucken und habe mir Tiger und derlei Traumdinge wegen ihrer großen Schrecknisse abgewöhnt. Stattdessen schlüpfe ich, wenn mich etwas sehr beschäftigt, in die Rolle des Kleinen Prinzen. Sie kennen den Kleinen Prinzen? Sie lieben ihn sogar?

Fein. Saint Exupery hat uns damit etwas Ideales an die Hand gegeben, Fragen an die Welt zu stellen und sie in der rechten Form beantwortet zu erhalten. Und wenn es auch nur neuerliche Fragen sind... (Diese liegen dann zumeist um einen Planetensprung näher an einer Lösung, als die vorhergehende, von uns selbst gedachte Frage.) 

Heute nacht bin ich aus den eben beschriebenen Gründen wieder einmal als Kleiner Prinz unterwegs gewesen und traf nach einigem Hin und Her auf einen besonders kunstvollen Planeten. Er fiel mir durch seine genau richtige Größe auf. So beschloß ich, ihn zu erkunden.

Ich landete auf einer Blumenwiese. Sie war unglaublich kunstvoll gestaltet. Schon beim Hinunterschweben war sie ein Erlebnis durch ihre kunstvoll angelegten Beete, Gänge, Lauben, Bäume und Sträucher. Hier stimmte alles: die Formen, die Farben – und auch die Gerüche, wie ich beim Landen erfreut bemerkte. Die Temperatur lag nicht zu  hoch und nicht zu tief, einige leichte Schönwetterwolken zogen sacht über den blauen Himmel und der (natürlich wohlgeordnete) Gesang vieler unsichtbarer Vögel erfreute das Ohr. Ein paradiesischer Planet! 

Kaum war ich ein Stündchen oder zwei gewandert, traf ich auf einen Menschen. Er saß an einem Schreibtisch aus Bambusholz in einem luftigen Gartenpavillon, der nach allen Seiten offen war.

Guten Tag, grüßte ich höflich, als ich direkt vor dem Fenster stand, hinter welchem sich sein Schreibtisch befand. Er hatte nicht bemerkt, daß jemand nähergekommen war.

Oh, erwiderte er überrascht, ich habe Sie gar nicht bemerkt, Sie sind sicher ein Student der Gestaltung. Was kann ich für Sie tun?

Der Mann vor mir besaß genau das richtige Alter, er war nicht zu jung und nicht zu alt. Auch seine Stimme, freundlich und angenehm, paßte zu seiner Erscheinung. Das Gesicht und der ganze durchtrainierte Körper drückten große Dynamik aus. Ich hatte mit Sicherheit einen sehr tüchtigen Menschen vor mir.

Danke, erwiderte ich sehr höflich, Sie brauchen nichts für mich zu tun. Nur etwas von sich selbst zu erzählen und von Ihrem wunderschönen Paradiesplaneten.

Dem Mann hinter dem Schreibtisch schien meine Antwort gefallen zu haben. Er unterbrach nun sogar seine Arbeit, erklärte mir, daß er immer sehr viel zu arbeiten habe und unter großem Druck stehe. Aber für mich wolle er sich Zeit nehmen, weil ich offensichtlich gerade das richtige Interesse für die Königsdisziplin der Gestaltung mitbrächte.  

Ich bin nämlich der Gestalter, mußt du wissen, junger Mann. ( Er duzte mich einfach, was mir durchaus recht war und ihn mir noch sympathischer machte.) Ich habe diesen Planeten ganz allein nach meinen Vorstellungen gestaltet, welche durch die vielen angestellten Studien als sehr umfassend und ganzheitlich bezeichnet werden dürfen. Es war ein Lebenswerk. Und ich habe an alles und jedes gedacht.  

So gibt es also auch Tiger, fragte ich ihn. Natürlich, antwortete er, gibt es auf meinem Planeten auch Tiger, sogar die passenden Jäger dafür. Alles, was denkbar ist, gibt es auf meinem Planeten. Nur (und seine Stimme klang etwas geheimnisvoll dabei), der Tiger bleibt im Dschungel und kommt niemals hervor. Es muss alles seine Ordnung haben. Anders wäre die Sache ja auch viel zu gefährlich. 

Kommen viele Besucher auf Ihren Planeten? Ich fragte das ganz unschuldig und auch, weil ich wissen wollte, ob mein Gesprächspartner ganz allein war oder ob mit weiterer Gesellschaft zu rechnen war. 

Oja, es werden im ganzen All Berichte verfaßt und überall wird lobend hervorgehoben, wie umfassend gestaltet mein Planet sei. Es kommen daher auch Studenten von vielen Planeten, um hier die Strukturen der Ganzheitlichkeit in Übersicht und Detail zu untersuchen und später gestalterisch in ihren Bereichen anzuwenden. 

Wenn sehr viele gekommen sind und solchermaßen inspiriert auf ihre Planeten zurückkehren, werden diese Welten dann auch aussehen wie Ihre? 

Der Gestalter ging auf diese Frage nicht ein. Er befand sich bereits in neuen Gedanken und schilderte die Möglichkeiten und Techniken der Ordnungen, ja selbst wie man unvermeidbare Unordnungen darin integrieren könne. Er zeichnete Grafiken und Formeln auf ein Blatt Papier und reichte es mir heraus. Er sprach dabei unaufhörlich. Wahrscheinlich bildete das den Grund, warum er meine Frage nicht beantwortete. So fragte ich nochmals, ob sich diese Ordnung der Ordnungen wohl allmählich auf das ganze bekannte Universum ausbreiten würde.

Irritiert hielt er inne. Ja, erwiderte er mir nach kurzem Nachdenken, freilich wohnt Ordnungen ein sich ausdehnender Aspekt inne. Kunst der Gestaltung ist es, diese inneren Strukturen zu erfühlen, sie zu ertasten und sie zugleich zu erschaffen. Und schon flogen wieder einige Gleichungen auf das Papier. Und schon hatte er mich wieder vergessen, mich und meine Frage.  

Da ich aber, wie der durch die Luft fliegende gute alte Saint Exupery seinerzeit schon sehr treffend feststellte, niemals auf eine Frage völlig verzichten kann (auch ich bin ein Mann der Ordnung und will keine Frage ungelöst zurücklassen), ließ ich nicht locker.

Ich fragte wieder und wieder. Schließlich war es wichtig für das ganze Universum, ob es sich selbst überlassen blieb wie bisher, oder ob es mehr und mehr diesem – zugegebenermaßen paradiesischen – Planeten ähneln würde.  

Sieh mal, setzte er nun tatsächlich zu einer längeren Erklärung an, dafür bin ich hier, dafür gibt es mich. Um zu erschaffen und um zu schaffen. Alles ist Gestaltung, jeder Atemzug entzieht der Luft Sauerstoff und fügt ihr Stickstoff, Wasserdampf und andere Gase hinzu. Der Raum, den ich einnehme, wird durch mich gekrümmt und beeinflußt das ganze Raumzeitgefüge, meine Atome sind in ihren Wechselwirkungen nach keiner Richtung beschränkt. Ich gestalte meine Welt überall, ob ich es nun weiß oder nicht weiß. Ob ich es will oder nicht will. Und ich will eben. Ich will es ganz bewußt. Ich gestalte diesen meinen Planeten sehr konsequent in allen vorhandenen Möglichkeiten. Wenn nun also Schüler meine Ideen im Kosmos verbreiten, ist das nicht legitim? 

Das war nun eine Frage an mich. Ich aber fühle mich in solchen Fällen völlig frei zu antworten oder nicht zu antworten. Dies hauptsächlich deshalb, weil ich zuweilen so voller Fragen stecke, daß kaum Platz bleibt, Antworten herzustellen. Als Erwiderung wollte ich die Frage stellen, ob nicht einzelne Wesen den Raum über Gebühr krümmten und andere Wesen dadurch in deren Möglichkeiten beeinträchtigen könnten. Aus Gefühlsgründen unterließ ich es aber, dem Gestalter diese Frage zu stellen. Überdies beantwortete sie sich mir selbst, indem Bäume vor meinem inneren Auge erschienen, die sich durch Abwerfen ihrer Samen vermehrten. Dabei setzten sich von den Samen nur die Stärksten durch und wuchsen empor ins Licht, während die anderen verkümmerten. Dadurch aber entstanden große starke Wälder von langer Lebensdauer und stabiler Gesundheit.  

So stellte ich eine Frage, die mich selbst betraf. Im Unterschied zum Gestalter zog ich nämlich als Fragender durch die Welt, als Beobachter, als Sehender, als Hörender. Ich wollte wissen, was das Wesen dieser Welt war und wer ich selbst in Bezug darauf wäre. 

Diese Frage stellte ich dem Gestalter also anstelle einer Antwort. Oh, antwortete er darauf, du willst wissen, wer du bist. Mein junger Freund, das Wissen ist etwas, das nur durch Gestaltung entsteht. Indem ich etwas tue, indem ich Einfluß auf etwas nehme, eröffnet es mir sein Wesen.  Erst wenn der Physiker eine Versuchsanordnung trifft und seine Vorstellungen damit verwirklicht, um Antwort auf eine Frage zu bekommen oder einen Beweis für seine innere Vorstellung zu erhalten, zeigt sich die Natur des gefragten Gegenstandes.  Aber von Quantenphysik hat Herr Exupery freilich nicht viel wissen können. Schrödinger’s Katze wird ihm im Kriegsgetümmel kaum um die Beine geschlichen sein.

Hier lächelte der Gestalter jovial. Er schien gut gestaltete Sätze und Vergleiche zu lieben, vor allem wenn sie kleine Seitenhiebe enthielten. Jetzt stand er sogar von seinem Schreibtisch auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.  

Mit jener Katze ist es nämlich so, daß sie weder existiert noch nicht existiert, wenn man nicht irgendwann die Kiste öffnet, in der sie eingesperrt ist. Erst indem man Hand anlegt und die Kiste öffnet, entscheidet sich die Natur dafür, ob die Katze lebt oder vom zuvor angebrachten Zufallsmechanismus vergiftet wurde. Solange man die Kiste aber nur anschaut, gibt es keine Antwort. Verstehst du, junger Freund, es gibt dann auch kein Wissen über die Katze.

Das Beobachten allein ist also zuwenig. Ist also gar nichts. Es würde gar keine Welt geben, bestünde sie aus Leuten, die nur hören und sehen. 

Ich fühlte mich schwindlig und etwas verwirrt. Es würde also auch mich nicht geben, wenn es keine Gestalter gäbe, fragte ich ihn leise.  

Natürlich würde es nichts geben. Und darum muß ich mich jetzt auch wieder um meine Angelegenheiten kümmern. Es gibt noch viel zu machen heute. Vernünftige Leute haben immer viel zu tun. Sie stehen enorm unter Druck. Manche arbeiten 14 Stunden am Tag, um ständig alles, was sie geschaffen haben, unter Kontrolle und in Gang zu halten und um all das Neue zu schaffen, das sich daraus ergibt. Du mußt entschuldigen, junger Freund. So angenehm mir dein Besuch auch ist..... und dabei setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch und fuhr fort, Formeln zu entwerfen.

Ich war entlassen. War ich mir zuvor schon überflüssig vorgekommen, als das unablässige Gestalten und Tun mir als die Essenz der Welt erklärt wurde, so stand ich nun ganz verlassen auf diesem paradiesisch geordneten Planeten.

Ich hätte ihn eigentlich weiterhin bewundern wollen, diesen Planeten und seinen Gestalter. In Wahrheit aber fand ich mich nun sehr betrübt und traurig. Wenn ich an meine Rose auf meinem eigenen kleinen Planeten dachte: was vermochte sie zu bewegen? Oder an das Schaf, das nur fraß, oder an die Vulkane, von denen auch nur zwei tätig waren, und auch das nur zeitweilig. Einer von ihnen konnte niemals mehr aktiv werden.  

Oh ja, ich war traurig. So traurig, wie schon lange nicht. Das aber übersah der Gestalter offenbar, indem er sich von mir abwandte und sich seinen Formeln widmete. Er bemerkte auch nicht, daß ich mich umdrehte und leise ging.

Doch – er hatte es bemerkt. Er mußte es bemerkt haben!

Auf Wiedersehen, kleiner Mann, rief er mir freundlich nach, als ich mich schon beinahe außer Hörweite befand. - Und komm’ bald wieder! 

Im Grunde hat er ein gutes Herz, dachte ich bei mir und nahm mir vor, ihn wieder einmal aufzusuchen. Vielleicht, wenn er nicht mehr gar so unter Druck stehen würde.  Und als ich solchermaßen die Zukunft ins Auge faßte und meine eigenen Umstände bedachte, erkannte ich mit einem einzigen Gedankensprung, daß ich mich hier nicht als kleiner  Prinz entfernte, sondern daß ich ein gewöhnlicher Mensch war, der bloß träumte, er sei jener kleine Prinz.  

Aber – wenn ich schon kein Prinz bin, so durfte ich mich wenigstens als Gestalter dieses Traums fühlen. Oder stammte auch er von jenem Gestalter, dem ich begegnet war und der so vieles verwirklichte in diesem Universum? Vielleicht bin ich wider alle Wahrscheinlichkeit aber in Wahrheit doch der Kleine Prinz – oder zumindest einer seiner Träume. Man kann nie wissen ....

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at
 

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