Der Hofnarr

 
           Ein kleiner Ort in Griechenland, auf Rhodos.  Ich habe den Leihwagen im Schatten abgestellt und schlendere nun mit meiner Frau nach Lammgenuß und Retsina durch die etwas verwahrlosten Gassen.

          Nur Hunde und Katzen sind zu sehen; die Hunde ruhen sich im Schatten der Autos aus, die Katzen in Häusernischen.  Während dieser heißen Tageszeit sind nur Touri­sten unterwegs ‑ wenn sie so ver­rückt sind wie wir.  In diesem kleinen Dorf sind wir zur Zeit die einzigen dieser Sorte.

          Da entdecke ich mit einem Mal ein wun­derschönes Bild: eine verschrumpelte alte Frau sitzt vor einem der weißgekalkten Häuser auf einer kleinen Terasse im Schat­ten.  Sie ist schwarz ge­kleidet.  Das bildet einen wunderschö­nen Kontrast zu dem grellen Weiß des Hauses; besonders ihr großes schwarzes Kopftuch, unter welchem ein auf seltsame Weise anziehendes altes Gesicht zu sehen ist, hat es mir angetan. 

          Kamera ans Auge, eine günstige Position gesucht, wo mir Licht und Bildaufbau günstig erscheinen. Autofokus und Pro­grammautomatik kümmern sich blitz­schnell um den technischen Aspekt.  Klick.  Es wird ein starkes Bild werden.  Ich gehe mehr in den Telebereich, wechsle den Standort, gehe auf manuell, um verschie­dene Kontrastmöglichkeiten auszuschöpfen.

          Das Gesicht im Sucher fasziniert mich immer mehr.  Es blickt hoheitsvoll, gütig, jedoch ohne ir­gendeine Regung, unter dem Schirm des großen schwarzen Kopf­tuchs hervor.  Ich versuche immer neue Einstellungen; ich muß alles aus diesem Bild herausholen, das sich mir da bietet.  Bei der nächsten Foto‑Ausstellung werde ich damit sicher ganz vorn mit dabei sein.  Ob die gute, einfache Frau weiß, welche Ehre ihr da wohl widerfährt.  Ich halte inne, weil der Film gewechselt werden muß. 

          Bevor ich die Kamera wieder ansetze, um noch einige neue Gesichts­winkel zu erhaschen, die ich vielleicht noch nicht ausge­nützt habe, fällt mein Blick direkt auf sie. Ich sehe sie jetzt nicht durch den Su­cher, es befindet sich keine Kamera zwischen ihr und mir.

Und da weiß ich mit einem mal, was es war, das mich so sehr fasziniert hatte: Ihr Blick, gütig und hoheitsvoll in sich selbst ruhend, ist, so verrückt es klin­gen mag, der Blick einer Königin! 

          Einer Königin, die ihrem Hofnarren gerade sehr gelassen und wohlwollend zusieht, wie dieser in der Mittagssonne possen­reissend um sie herumspringt .... 

 
 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 
 
Diese Geschichte wurde 1999 vom Heyne-Verlag München in der Anthologie "Nur ein paar Schritte zum Glück" veröffentlicht. ISBN 3-453-15625-0
 

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