Woher die große Klugheit der Menschen stammt

  

      Nicht immer sind die Menschen so klug und weise gewesen wie sie sich heute fühlen. Es hat Zeitalter gegeben, da fuhren sie noch nicht durch die Luft und standen durch kein Netzwerk miteinander über den ganzen Erdball in Verbindung. Sie wählten noch keine Politiker und benutzten noch keine Deos.

      Es ist keineswegs das Mittelalter mit dieser verflossenen Epoche gemeint, oder gar die Antike. Auch nicht die biblischen Zustände am Fuße des blitzegeschüttelten Berges Sinai. Ich denke vielmehr an die ganz ganz alten Zeiten zurück, wo noch die großen Seher auf Erden wandelten, welche ihren Sinn auf nicht mehr und nicht weniger gerichtet hatten, als auf die Erkenntnis des Ganzen. Auf Gott und die Welt also, und auf das andere auch.    

      Um diese großen Weisen scharten sich in jenen früheren Äonen Schüler unterschiedlichster Herkunft. Die meisten von ihnen waren menschlicher Art, aber auch bildungswillige Fabelwesen und Naturgeister fanden sich in ihren Ashrams, ja man sagt, daß mitunter sogar Sterne in ihrem Lauf innehielten und ihnen zuhörten. Und selbstverständlich nahmen sowohl Götter, als auch Dämonen gern an ihren Kursen teil. Die waren damals noch nicht so zerstritten, wie dies heutigentags alle Welt zu sein pflegt. Im Gegenteil; oft arbeiteten sie an denselben Projekten und erreichten gemeinsam so großartige Ziele wie die Gewinnung des Nektars der Unsterblichkeit aus dem großen Milchozean.

      Aber wir wollen jetzt nicht diese uralte Geschichte aufwärmen, wo sie die große Himmelsschlange um den Berg Meru legten, den sie als Quirl benutzten und hüben wie drüben kräftig hin und herzogen. Wer die alte Story nicht kennt,  dem (der) ist nichts entgangen; vom Nektar kann er so und anders nicht mehr kosten, der ist bei diesem schweißtreibenden Vorgang nämlich restlos aufgebraucht worden.          

      Wer sich aber an selbige alte Mär erinnert, sei es, daß er hüben oder drüben mitgezogen hat, oder von dem Geschehen in späterer Zeit hörte, dem sei ein kleines Schmunzeln gestattet. (Die alten Geschichten weisen stets eine derartige Wirkung auf, denn wahre Weisheit pflegt seit Anbeginn der Zeiten mit einem Schmunzeln einherzugehen; daran ist sie übrigens auch heute noch zuverlässig als solche zu erkennen.)

      Wir wollen uns nun aber nicht weiter mit Geschichtchen aufhalten. Was ich erzählen will, ist eine wahre Begebenheit und hat sich in einem dieser großen Schulen zugetragen. Der Meister hieß Darshivan. Zwei seiner Schüler sind besonders hervorzuheben. Der eine war Fahwi aus dem Geschlecht der Götter, der andere hieß Fehfi und zählte sich zu den Dämonen. Sie hatten beide gleichermaßen das Wohlwollen ihres Meisters errungen. Er liebte sie, weil sie sich bei aller grundnatürlicher Lausbüberei stets strebsam und lernwillig erwiesen und ihn auch durch viele persönlichen Dienste erfreuten.

      So sprach er nach Ablauf von sieben Jahren zu ihnen: Fahwi und Fehfi, Weiteres kann ich euch nun nicht lehren, was ich wußte, habe ich rückhaltlos mitgeteilt, und ihr habt beide brav gelernt. Ihr dürft euch nun eine Gabe von mir wünschen. Überlegt gut, bevor ihr wählt: die Gabe nie endenden Reichtums, die Gabe großer Schönheit oder die Gabe eines unermeßlichen Geistes.

      Heute, im Zeitalter der gottgleichen Designer und der ewigen Jugend würden wir ohne zu zögern die Gabe der Schönheit wählen, keine Frage, einschließlich der perfekten Model-Figur. Fahwi von den Göttern und Fehfi aus dem Reich der Dämonen jedoch hatten beide in den sieben Jahren beim Weisen Darshivan aber gelernt, daß es vor allem der Geist ist, der das Leben bereichert und ständig zu neuen Ufern führt.

      Sie wählten beide also die Gabe eines unbegrenzten Geistes und verließen den Weisen nach den damals in solchen Fällen üblichen Zeremonien. Daraufhin trennten sich ihrer beider Wege. Der eine ging zu den Göttern zurück, der andere wanderte in Richtung seiner Heimat, in das Reich der Dämonen.

* * * * *         

      Nun, was hast du gelernt und welche Gabe hast du erhalten, wurde Fahwi von den Göttern gefragt, als sie ihn wieder in ihren Kreis aufnahmen. Berichte uns und erzähle, damit wir alle bereichert werden! Und der junge Gott erzählte von der großen Weisheit Darshivans, vom Sein und vom Nichtsein, vom formlosen Urgrund, von den drei Gunas und den acht Stufen der Manifestation; alles Wichtige, das er gelernt hatte. Er schwärmte von der Gabe des unbegrenzten Geistes, welche er für sie alle gewählt hatte.  Groß war die Freude aller, man feierte ein Sternenfest zu seinen Ehren und pries die Güte Gottes.

      Dann richtete man ihm eine Schule ein. Dort gab er alles getreulich weiter, so wie der große Meister es ihn gelehrt hatte. Fahwi ließ seinen Geist durch die Zeiten gleiten, sichtete Strukturen und Ordnungen, schaute das Schöpferische im Chaos, erfreute sich an köstlichen Fraktalen, hörte quasare Musik, nahm entgegen, was sich darstellte, verknüpfte Erkenntnisse zu neuen und immer neuen Einsichten. Er staunte, wie mühelos ihm alles zuflog und wie herrlich und großartig der Plan der Schöpfung in ihm widerklang. Noch herrlicher und großartiger, als selbst die Götter in ihren kühnsten Visionen es jemals erahnt hätten. Entsprechend große Freude herrschte auch unter den Himmlischen und es dauerte keine drei Zyklen, da hatte sich sein unermeßlicher Geist den anderen Göttern mitgeteilt, was sie nachhaltig erleuchtete. (Seither hört man nichts mehr davon, daß sie einander an der Nase herumführen wollen oder menschlichen Jungfrauen nachstellen, wie es auf dem Olymp noch gang und gäbe war. Manche Menschen sind deshalb zur Meinung gekommen, daß sie aus diesem Grund überhaupt nicht mehr existieren würden.)

      Fehfi, der ebenso reich beschenkt und überglücklich wie Fahwi das Land der Seinen erreichte, wurde von den Dämonen ebenfalls sehr herzlich empfangen und neugierig befragt, was er denn nun beim berühmten Seher Darshivan gelernt und welche Gabe er sich erwählt habe. Als er ihnen kundtat, mit der Gabe des unbegrenzten Geistes gesegnet worden zu sein, da war die Freude darüber ebenso groß wie bei den Göttern.

      Dämonen wissen um die Vorteile eines klaren Geistes. Je mehr man weiß, um so mehr Macht hat man, um so besser kann man seine Ziele erreichen. Das hatten sie bei ihren Geschäften erfahren, im Umgang untereinander, aber auch immer wieder im Verkehr mit den Menschen, von welchen sie oft genug durch deren Klugheit um einen schon sicher geglaubten Erfolg gebracht wurden. Ja, die Klugheit, die wollen wir haben!

      Auch die Dämonen errichteten dem heimgekehrten Schüler eine Lehrstätte, wo er weitergeben konnte, was ihm geschenkt worden war. Sie fragten ihn alle Fragen, welche sie schon immer fragen wollten und wurden darin nie müde. So entstanden ganze Wissenschaftszweige unter ihnen, verschiedene Wissensdisziplinen, das Wissen spaltete sich immer weiter und immer weiter auf, immer neue Details schälten sich aus den bisherigen heraus.

      Man entwickelte Maschinen zum Verarbeiten all der vielen Daten. Diese gerieten immer leistungsfähiger, je rascher sich die Wissenslawine selbst potenzierte. Bald besaß keiner unter ihnen auch nur einen groben Überblick über auch nur einen Bruchteil des Ganzen. Bibliotheken und elektronische Dateien nahmen kosmische Dimensionen an.

      Fehfi wurde der Ehrentitel "Bringer des Wissens" verliehen. Er schaut heute mit Wohlwollen auf die von ihm eingeleitete, nie endende Entwicklung und freut sich der unerhörten Emsigkeit seine Artgenossen. Jetzt plagten sie auch im Umgang mit dem Menschen keine großen Probleme mehr, weil sie nicht nur unglaubliches Wissen besaßen, sondern dieses auch, gewitzt wie Dämonen von Natur aus sind, in allen praktischen Belangen grenzenlos schlau anwenden. Fehfi wußte, daß er richtig gewählt hatte, als er sich für den Geist entschied.

Und die Menschen, die von den Dämonen seither immer unmerkbarer, dadurch aber auch immer effektiver und raffinierter ums Ohr gehauen werden?

      Was sollen sie Besseres tun, als dem Beispiel des Stärkeren getreulich zu folgen; Daten über Daten, Wissen über Wissen anzuhäufen. Vielleicht werden sie ihren Vorbildern bald ganz gleich werden, oder sie gar eines Tages in allem übertreffen.....

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@aon.at

 

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