Sein Bruder und kein Kruzifix      


       Wie der Titel bereits andeutet, geht es hier um ein etwas ernsthafteres Thema. Auf den ersten Blick scheint es mit Raumzeitlüsten oder gar Herzgirlanden nichts gemeinsam zu haben. Stimmt. Und stimmt nicht. Denn selbst unter fröhlichsten Girlanden finden sich immer auch welche von satterer Färbung – und Herzenssache sind Gefühle schon allemal gewesen. Auch Gefühle, die längst vergessen und abgestumpft sein sollten, wie etwa solche beim Anblick einer grausamen Hinrichtung in den oft recht düsteren Herrgottswinkeln, oder über den Eßtischen in den traulichen Stuben unseres alpenländischen Kulturkreises. 

         An die weißgekalkte Wand über den Eßtisch, unmittelbar neben das friedliche Bild seines Vaterhauses, hatte Fritz das Foto seines verstorbenen Bruders gehängt, der die Seinen vor etwa zwei Monaten im Krankenhaus nach monatelangem Kampf gegen eine schwere Krankheit verließ. Das Bild zeigt ihn in seinen allerletzten Zügen, unendliche Hoffnungslosigkeit im eingefallenen Gesicht, umgeben von nüchternen Monitoren und Geräte einer Intensivstation.
          Meine Frau und ich saßen zusammen mit einem dritten befreundeten Ehepaar an diesem Tisch und wurden von der tüchtigen Hausfrau des Gastgebers mit einer überaus schmackhaften Lasagne bewirtet. Als ich gewohnheitsmäßig ordentlich zulangen und essen wollte, konnte ich das aber nicht mit rechtem Appetit tun, so sehr wirkte sich der Einfluß des Bildes, das noch dazu genau in meiner Blickrichtung hing, aus; ja ich konnte kaum einen Bissen hinunterbringen.
          Als Fritz mich fragte, ob ich gesundheitlich nicht ganz in Ordnung sei, weil mir offenbar heute der übliche Appetit fehle, entzog ich mich mit einer höflichen Floskel der Antwort. Erst nach dem Mahl, als die Rede auf seinen Bruder kam, den wir alle gut gekannt hatten, rückte ich mit dem Grund heraus und fragte Fritz, warum das ergreifende Bild denn gerade über dem Eßtisch angebracht wäre. Mein Freund war erstaunt. Warum nicht, so habe ich ihn in Erinnerung, antwortete er. Warum das Bild dann aber nicht ins Wohnzimmer oder ins Schlafzimmer hängen, versuchte ich nochmals, den Platz über dem Tisch in Frage zu stellen.

          Da sprang nun seine Frau mit einer Erklärung bei, welche mich nicht wenig überraschte und welche zugleich auch den Grund dafür bildet, daß ich diese kleine Szene überhaupt schriftlich niederlege: Ist es nicht seit Jahrhunderten allerbeste Tradition bei uns gewesen, daß man unter dem Herrgottswinkel saß und seine Mahlzeiten einnahm? Ihr Vergleich verblüffte mich nicht wenig. Seht euch einmal so einen Herrgottswinkel an, fuhr sie fort, vornehmlich in unseren alpenländischen Bauernstuben: Dominiert dort nicht neben den Bildern der heiligen Maria und des Josef immer noch das Kruzifix, ein Kreuz mit einem holzgeschnitzten Jesus darauf? Und ist nicht auch dieser in seinen allerletzten Zügen, in seiner allerhöchsten Qual dargestellt, gefoltert, geschmäht und hingerichtet. Ist das alles nicht noch viel schlimmer als eine Krankheit?

          Vor meinem geistigen Augen tauchten all die hunderte Christusse auf, die ich wohl schon gesehen habe in meinem Leben, die meisten von ihnen kantig und hart aus Holz geschnitzt, und auf manchen noch mit der Dornenkrone auf dem gesenkten Haupt. Auch die Bilder, all die berühmten und die weniger berühmten, die zu diesem Thema geschaffen worden waren, zogen schemenhaft an meinem Auge vorbei.

       Eine menschliche Gestalt, ein menschliches Wesen, bloßgestellt in äußerster Pein, den sicheren qualvollen Tod vor Augen - jeglicher Intimität beraubt.
          Immer wenn ich eine solche Darstellung sehe, bin ich zutiefst bewegt. Handelt es sich um bildliche Darstellungen großer Meister, ergeht es wahrscheinlich allen Betrachtern ebenso. Völlig anders verhält es sich aber mit den ungezählten Kruzifixen landauf, landab, an Wegen, auf Bergesgipfeln, in Kirchen, in Kapellen, oder in den vielen tausend Herrgottswinkeln herkömmlicher bäuerlicher Haushalte. Dort nämlich ereignet sich seit Hunderten von Jahren ein erstaunliche Phänomen: des Nichtsehen im Sehen.
          Ich selbst habe unter all den  erlernten Künsten dieses Lebens ebenfalls diese Fähigkeit entwickelt. So kann ich mich durchaus in die Lage versetzen, jenes gequälte menschliche Wesen anzusehen, ohne es  wahr-zu-nehmen. So wie es der allgemeinen Übung entspricht. Dieses Nichtsehen oder Nichtwahrnehmen erfordert allerdings einen aktiven Akt des Nichtfühlens, welches sich bei genauem Hinsehen als eine gewisse Art von Grausamkeit und Brutalität entpuppt. Selbst wenn Solches durch lange Übung nur kurz (oder für manche Menschen überhaupt nicht) zu verspüren ist, so wirkt das erlernte Unter-drücken doch gründlich genug, Mitgefühl gar nicht erst aufkeimen zu lassen. Auf diese Weise ist man tatsächlich in der Lage, lustvoll und mit Appetit an einem Tisch unter der Darstellung einer schrecklichen Hinrichtung zu speisen. Mir allerdings, das muß ich schon zugeben, verursacht es immer und ausnahmslos ein schlechtes Gefühl, oder zumindest einen deutlichen Anflug davon.
          Von allen Seiten her dachte ich über die möglichen Gründe hiefür nach, die im Lauf der Jahrhunderte ein so erstaunliches Phänomen des Nichtwahrnehmens bewirkt haben könnten. Wer hat damit begonnen, und wozu? Und was hat ein gewohnheitsmäßiges, automatisches  Unterdrücken des Mitfühlens, ein Ausklammern der Wahrnehmung, für die Menschen zur Folge?  Mir will scheinen, daß gerade das „Nichtsehen“ der Mitmenschen, ihres Wesens, ihrer Wünsche und Schwierigkeiten ein Hauptproblem im Zusammenleben bildet. Sogar bei Selbstmördern oder Amokläufern ist die engste Umgebung oft erstaunt:  daß so rein gar nichts zu bemerken gewesen wäre zuvor....

          Wohlmeinend betrachtet könnte es sich bei den vielen Kruzifixen aber auch bloß um eine Art von christlicher Frömmigkeit handeln, die durch die unzähligen Darstellungen ganz gezielt und immer wieder auf den großen Einsatz hinweisen will unter welchem dieser Jesus Christus die Menschen von Schuld (er)löste?

Hätte Jesus diese ungezählten Darstellungen seines Kreuzestodes gewollt?

Wer von den großen Wohltätern der Menschheit hat jemals Wert auf allgemeine Bekanntheit seiner (bzw. ihrer) Leistungen für die Welt, oder womöglich gar auf Verehrung der eigenen Person gelegt? Menschen, die wirklich Großes vollbrachten, hängten ihre Werke weder selbst an die große Glocke, noch ist es ihnen jemals recht gewesen, wenn andere das für sie taten. Leisten wir ihm also wirklich und tatsächlich einen guten Dienst, wenn wir ein großes Werk der Liebe derart "öffentlich" machen – das Kreuz gar als Markenzeichen, als Logo einer weltumspannenden Vereinigung verwenden, zur Bestärkung der Identität, zur Bekräftigung von Glaubenssätzen und deren Autorisierung?
          Nach Lehre der allermeisten christlichen Kirchen war Jesus Mensch und Gott zugleich. Mensch also auch! Wieso sind dann Pietät und Mitgefühl nicht am Platz, wie wir sie (in unseren zivilisierten Kreisen) Sterbenden zugestehen? Wollen wir selbst in einer derart intimen Situation, wie es der Tod in einem Krankenbett sicherlich ebenfalls ist, unser Bild öffentlich in TV und Zeitungen verbreitet wissen? Die Todesstrafe wurde früher häufig öffentlich vollzogen, nicht nur der Abschreckung wegen, sondern auch, um der körperlichen Pein des Delinquenten die seelische des Bloßgestelltseins hinzuzufügen. Woran im Fall des Jesus Christus heute noch jeder fromme Herrgottschnitzer – in all seiner rührenden Unschuld - mitwirkt.
          Bei Jesus sei das etwas völlig anderes, könnte man als gläubiger Christ nun einwenden. Er gilt, wie bereits zitiert, neben all seiner Menschlichkeit ja zugleich als Sohn Gottes, Gott selbst in Dreieinigkeit. Gut. Wenn wir ihn aber unter diesem Blickwinkel sehen und empfinden, in völliger Einheit mit der höchsten Wesenheit des Universums (der Vater und ich sind eins) .... ob es dann aber nicht erst recht unangemessen ist, ihn so überwiegend als leidendes und geschundenes menschliches Wesen darzustellen???

          Und vor allem: Dienen uns derartige Darstellungen bei unseren Bestrebungen, göttliche und kosmische Zusammenhänge besser begreifen zu lernen? Unterdrücken wir durch das Hervorheben seiner Folterung und Hinrichtung nicht einen wesentlichen Aspekt aus dem Ganzen des Jesus Christus?
         
          Man muß – quasi im Umkehrschluß – sogar fragen, ob nicht die gewohnheitsmäßige Abstumpfung gegenüber diesen allgegenwärtigen Leidensbildnissen mitverantwortlich für die allgemeine Abstumpfung und Verrohung unserer Gefühlsebene ist, wie sie die ganze westliche Geschichte bis heute kennzeichnet. Wir sind bereits imstande, verunglückte  Erwachsene und Kinder im Fernsehen anzuschauen, während wir zugleich Knabbergebäck oder gar eine Mahlzeit während der Nachrichtensendungen zu uns nehmen....
          Es wäre vielleicht einmal ein lohnendes Feld für Psychologen, dahingehend eine Klärung zu versuchen, ob in dieser Selbstverständlichkeit der Abstumpfung nicht möglicherweise gar der Anfangspunkt einer Reihe von Verhaltensformen liegt, welche Grausamkeit und natürliches Gefühl nicht mehr voneinander zu trennen vermögen.
          Ganz abgesehen von der Frage, ob nicht viel besser versucht werden sollte, den inneren Gehalt des Erlösungswerkes ernsthafter zu verwirklichen.... Nicht das äußere Bild von der grausamen Tat in unendlichen Variationen darzustellen, sondern den Sinn davon (die Erlösung) anzunehmen, sollte das Bestreben der Menschen sein, die sich mit dem Namen des Christus  bezeichnen!
         
          Ein Kruzifix, falls man es im christlichen Raum für einen spirituellen Zweck verwenden möchte, sollte demnach etwas sehr Rares und Kostbares sein; z.B. der Karfreitagliturgie vorbehalten bleiben, wo die Gefühlsebene für religiöse Erfahrungen entsprechend geöffnet ist. Dann, vielleicht dann, könnte die Darstellung etwas vom Wesen des Erlösungsgeschehens vermitteln helfen. Je rarer etwas verfügbar ist, als umso kostbarer wird es empfunden; je alltäglicher etwas zu sehen ist, umso weniger inneren Gehalt verbinden wir damit.
          In einer griechisch-orthodoxen Kirche auf Rhodos besuchte ich zusammen mit meiner Frau einmal einen Gottesdienst. Dort hat uns ergriffen, wie der Pope während der heiligen Handlung aus einem Raum hinter dem Altar ein großes Kruzifix hervortrug. Die einfachen Leute zogen daran vorbei und küßten es. Hierauf wurde es wieder an seinem unsichtbaren Platz verwahrt. Sonst war nirgends ein Gekreuzigter zu erblicken.
Die Christen unserer Breiten sehen, wie manche ihrer Kritiker immer wieder anmerken, überwiegend nicht gerade sehr erlöst aus. Die ungezählten und allgegenwärtigen Leidensdarstellungen könnten möglicherweise ein gerüttelt Teil Schuld dazu  tragen, daß bei soviel Inflation des äußeren (leidvollen) Eindrucks das innere und eigentliche Wesen der Erlösung vergeblich blieb. Kein Wunder, wenn sich folgerichtig statt Helligkeit und Freude jenes bloß äußere Erscheinungsbild übertrug.

          So oder ähnlich habe ich meine Fragen und Gedanken gesponnen, als mich damals die Frau meines Freundes auf die geschnitzten und gemalten Bildnisse in den Herrgottswinkeln über den großen klobigen Bauerntischen hinwies. Ich breitete ihr und den anderen Gästen dieses Abends meine Gedanken nicht aus. Obwohl zugleich auch Argumente zu finden wären, welche nicht gegen, sondern für das Kruzifix in der herkömmlichen Form sprechen!
          Zum Trost in schwerer Krankheit oder anderer menschlicher Not, vor allem im Sterbeprozeß eines Menschen, vermag das Kreuz nämlich immer noch viel zu geben. In ernsthafter und lebensbedrohender Bedrängnis kann ein darauf gekreuzigter Jesus Solidarität, Trost und Frieden bewirken; ein Signal von „ich verstehe dich“ , oder gar „ich erwarte dich“ ..... Ein Kruzifix in einer Krankenhauskapelle wird daher selten mit der üblichen Gedankenlosigkeit registriert wie sonst. Und vielleicht ist dem einen oder anderen Heiligen der alten Zeit sogar ein spirituelles Mysterium vor einem Kruzifix aufgegangen?

          Ein anderer Gesichtspunkt ist mir paradoxerweise zur selben Zeit in den Sinn gekommen und hat mich erst recht dazu bewogen, zu schweigen. Und zwar die Bewertung in sozialer und historischer Sicht. Daß durch die genannten Darstellungen jahrhundertelang von der Kirche Macht ausgeübt wurde ("Sieh ihn dir an: er ist für dich gestorben und du willst dich nicht der Heiligen Mutter Kirche unterwerfen“), dürfte als evident gelten und muß hier nicht eigens abgehandelt werden. Es wäre ein Thema, mit dem man erst recht kein Ende fände, und das zudem höchst unerquicklich bliebe.
          Aber genau das wollte ich während unseres Besuch damals, wie gesagt, nicht zur Sprache bringen, weil ich weiß, daß unsere Gastgeberin in ihrer Pfarre aktiv engagiert ist und ich ihr damit kaum Freude bereitet hätte.
          Ja, habe ich ihr also auf ihre Frage schließlich erwidert, ich kannte deinen Schwager recht gut und habe ihn im Krankenhaus mehrmals besucht. Ist schon in Ordnung. Du hast recht, er hat wirklich sehr gelitten. Entschuldige meine Empfindsamkeit, bin wahrscheinlich etwas übersensibel.... daß dieses Foto an der Wand hier meine Erinnerung daran so sehr wach ruft. Der Abend wurde im übrigen dann noch recht nett, ein bißchen besinnlich sogar und von schönen Gesprächen begleitet. Etwas vor Mitternacht sind wir dann nach Hause aufgebrochen, meine Frau und ich. Im Auto haben wir übereinstimmend festgestellt, daß es wieder einmal ein besonders schöner Abend war.
         
          Gestern besuchte ich meinen Freund wieder, das heißt, ich war nur kurz dort, weil ich etwas abzuholen hatte. Während ich mich bedankte und wir ein paar belanglose Worte wechselten, suchte mein Blick die bewußte Stelle über dem Eßtisch; ich hatte das Bild seines leidenden Bruders nicht vergessen, es hatte sich mir eingeprägt.
          Und - obwohl ich es eigentlich doch irgendwie erwartet hatte, überraschte mich dennoch, daß dort, wo das dramatische Foto hing, nun ein ganz anderes Bild im schönen Edelholzrahmen angebracht war: eines, wo Fritz zusammen mit seinem inzwischen verstorbenen Bruder auf einer kleinen alten Holzbank neben einem kleinen See inmitten blühender Wiesen saß.
          Ein Bild, das Frieden atmete und beinahe schon wieder Appetit machte auf die hervorragenden Kochkünste der Hausfrau. Als hätten sie beide meine Gedanken erraten, luden sie mich ein, zusammen mit meiner Frau doch recht bald wieder zu kommen. Gern, erwiderte ich, sehr gern. Aber erst müßt ihr zu uns kommen. Wie wär's mit nächster Woche?

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at
 

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