Langohr auf Reisen

  

Nur etwa eine Woche, bevor ein Jahr sich verabschieden will, um einem neuen Platz zu machen, feiern wir Weihnachten. Viel ist an solchen Tagen die Rede von Weihnachtsmann, Christkind, Bethlehem und den vielen Geschenken, die damit zusammenhängen. Beinahe ist uns der alte Stall mit dem Kind in der Krippe hinter den farbenprächtigen Anzeigen und Weihnachtsdekorationen gänzlich abhanden gekommen. Wenn wir in einer Auslage oder auf einem Christkindlmarkt handgeschnitzte Krippen erblicken, schauen wir routinemäßig daran vorbei. Selten, dass sich eine Kindheitserinnerung belebt, noch seltener gar ein religiöses Gefühl abseits von den Klischees.

Dabei ist noch lange nicht alles von jener Geschichte erzählt, die  sich damals, vor mehr als zweitausend Jahren, ereignete. Zum Beispiel wurde uns nichts vom Leben der Hirten überliefert: ob es nach der Begegnung mit den Engeln und dem kleinen Jesus anders, wenn nicht gar heiligmäßig verlief - oder ob das Ereignis ihre Herzen nur in der Weise anrührte, wie unsereins beim Anblick eines kleinen Kindes für einen Moment ergriffen wird. Wir alle nehmen wohl oft den Himmel wahr, den uns ein solches völlig unschuldiges Wesen schenkt, lassen uns dann aber von unserem Alltag rasch wieder einfangen. Was war mit den Weisen aus dem Morgenland? Keine Schrift berichtet uns über ihren weiteren Lebensweg. Zogen sie zurück in die Gegenden, aus denen sie gekommen waren, belehrten sie viele Menschen? Oder vermehrte sich ihr Gold, ihr Weihrauch und ihre Myrrhe, nachdem sie es als Opfer dargebracht hatten und sicherlich dafür gesegnet wurden?

Derlei Fragen habe ich noch nie jemanden stellen hören. Noch viel weniger wäre jemand auf die Idee gekommen, nach den Tieren zu fragen, die damals im Stall zu Bethlehem Josef und Maria zur Seite standen. Der Ochs, der Esel, vielleicht auch Hühner oder Schafe oder Ziegen. Wurden auch sie berührt durch das himmlische Geschehen, mit dem sie die Nacht unter einem Dach zubrachten?

Der heilige Franziskus, der den Vögeln des Himmels predigte, als ihm keine Menschen zuhören wollten, weiß davon eine wundersame Geschichte zu erzählen. Und zwar von Bruder Esel. Dieser war der einzige Grauschimmel in jener Nacht und vertrat damit sozusagen seine Gattung während des denkwürdigen Ereignisses, das die Welt verändern sollte. Esel verstehen zu hören und drehen ihre langen Ohren instinktiv an den richtigen Ort, wenn etwas Wichtiges geschieht. Wenn Menschen ihnen etwas befehlen, kann dies mitunter die Gegenrichtung sein. Sie wollen nicht immer hören, dass wir ihre Herren sind. Als aber der Herr des Himmels im Stall erschienen ist, da entging Bruder Grauschimmel nichts. Und er verstand noch lange vor den Hirten und den Weisen, dass er auserwählt war vor allen anderen Langohren dieser Erde.

Knieten sie ergriffen vor der Krippe, die Hirten und die Weisen, stand er aufrecht und still. Waren sie gegangen, nachdem sie ihre Geschenke niedergelegt hatten oder sonst das Kind segneten, legte er sich sehr nahe zur Mutter Maria und wärmte sie mit seinem Atem. Denn es kühlte empfindlich ab in jenen Nächten. Als Josef einmal meinte, es scheine ihm alles sehr wundersam zu sein, was geschah, und dass er sich über alle Maßen freue, da entrang sich unserem Grauschimmel ein leises „I-aah“. Obwohl nur sanft gehaucht, sah er dennoch gleich zum Kind nieder, ob er es nicht erschreckt hatte....

Nachdem Maria und Josef mit ihrem kleinen Knaben nach einigen Tagen den Stall verließen, blieb wohl noch ein gewisser Glanz zurück. Der Stallbesitzer und seine Familie zeigten sich darüber jedoch nicht besonders glücklich. Denn die Geschichte hatte die Runde im Bezirk gemacht. Immer wieder versuchten Menschen, den Ort zu sehen, wo das Kind lag, fragten nach der Krippe, und wohin seine Eltern mit ihm gezogen seien. Es wollte lange keine Ruhe einkehren für die Stallbesitzer, die doch als einzige ein gutes Herz bewiesen hatten. Das war die eine Ursache, warum unser vierbeiniger Freund nicht mehr bleiben wollte. Das frühere Leben war dahin; sein an sich sehr ruhiger Eselsalltag wollte sich nicht mehr einstellen. Der andere Grund, warum er ganz ernsthaft an das Fortziehen dachte, lag in der großen Verzauberung seines Herzens. Wer dem Himmel einmal so nahe war, der kann nie mehr derselbe sein, der er war. Er wollte es aller Welt mitteilen, dass Engel sangen und dass ein kleines Kind in seinen Stall gekommen war, um allen Zweibeinern und Vierbeinern Frieden zu bringen.

So trabte er eines frühen Morgens in die Welt hinaus. Er folgte der Sonne auf ihrem Weg und befand sich bald in unbekannten Gegenden mit unbekannten Häusern. Tagelang zog er dahin, wochenlang, jahrelang. Ein neues Ziel hatte von ihm Besitz ergriffen. Überall wollte er von jener außergewöhnlichen Nacht erzählen, allen wollte er das  Wunder von Bethlehem schenken.  Nur dafür lebte er, nur dafür zog er über den Staub der Straßen, durch Dörfer und Städte.  Des Nachts ruhte er in den kleinen Höhlen, die es in jener Gegend zuhauf gab, oder einfach unter Bäumen. Zu trinken fand er immer eine Quelle oder einen Bach, und zu essen gibt es für Esel auf der ganzen Welt reichlich.

Überall auf seiner Reise traf er graue langohrige Brüder und Schwestern. Manche zogen einen Wagen, manche trugen Männer auf ihren Rücken oder andere Lasten. Viele gingen gebückt unter ihrer Bürde. Einige trotteten lustlos durch den endlosen Staub und fanden ihr einziges Vergnügen darin, von Zeit zu Zeit bockstarrig stehen zu bleiben. Die jungen Esel aber, die er auf seinen Wegen antraf, blickten unternehmungslustig aus ihren klugen Augen in die Welt und drehten ihre Ohren beständig in alle Richtungen. Denn überall auf der Welt konnte ja etwas Bedeutendes passieren. Diese nahmen begierig auf, was er ihnen erzählte. Sie fragten ihn auch nach allen erdenklichen Einzelheiten. Der gute Esel verschwieg nichts. Je mehr sein Herz überfloss, eine um so größere Freude erfüllte ihn. Als nach den Strapazen ungezählter Strassen das Alter sich allmählich zu seinem Weggefährten machte, als sein Fell immer unansehnlicher und struppiger aussah, glaubten ihm schließlich sogar auch die alten Esel, die ihn zuvor meist nur ausgelacht hatten.

Man weiß nicht, wie viele Jahre er auf diese Weise durch die Lande zog. Irgendwann einmal überkam ihn die Sehnsucht, sich zur Ruhe zu begeben und heimzukehren. So fügte es sich, dass er eines Tages in einer Gegend anlangte, die ihm vertraut erschien. Da waren Hügel, die er kannte, da war der Bach, da waren die Schafe und Männer und Frauen, welche alte Erinnerungen in ihm wachriefen. Die Menschen erschienen ihm zwar älter, die Kinder kannte er nicht und auch die Schafe blökten etwas anders als er es in seinen Jugendjahren gehört hatte. Aber es handelte sich zweifelsohne um die Gegend von Bethlehem. Von hier aus war er in die weite Welt aufgebrochen. Ob er wohl den Stall wieder finden würde, in dem damals das große Wunder geschah?

Unser Freund schlug die vertrauten Wege ein, sah vertraute Häuser, sah neue Häuser und Stallungen. Aber er fand keinen Stall, der seiner jugendlichen Erinnerung entsprach. Zwar entdeckte er die Stelle, wo die Holzpfosten in das Erdreich neben dem Felsen gerammt waren, scharrte mit einem Vorderhuf auch einige Reste der alten Mauern frei, aber mehr als vier oder fünf verkommene Lehmziegel waren davon nicht mehr vorhanden. Im Lauf seines langen Lebens hatte er gelernt, dass die Dinge nicht immer das sein müssen, was sie zu sein scheinen - und dass es Räume geben kann, die von keinen Mauern begrenzt werden. Schließlich ließ er sich an jener Stelle nieder, wo früher sein Platz gewesen war und genoss die Stille der Nacht. Vieles zog durch seinen Sinn: wo das Kind lag, wo der Ochs seinen Platz hatte, wo die anderen Tiere gewöhnlich lagerten.

Mit einem Mal war ihm, als läge er wieder im Stall wie damals. Die Wände sah man, wenn die Finsternis der Nacht hereingebrochen war, früher ebenfalls nicht. Die Decke aber war nun höher, viel höher als damals, und es leuchteten tausend Sterne nieder. Er sog den Duft von frischem Stroh ein und blinzelte in den hell glitzernden Sternenhimmel. Leuchtete nicht ein besonderer Stern zu jener Zeit, genau über ihnen? Jetzt erinnerte er sich wieder. Und als er sich erinnerte, da glomm in der Mitte ein einzelner Stern auf, erst unscheinbar und klein, dann aber strahlte er groß und mächtig und hell. Ein leises „i-aah“ entrang sich der müden Eselsbrust. Leise und ergriffen wie damals. Und er blickte hinüber, ob er das Kind damit wohl nicht geweckt hatte.

Aber es lag wach. Es blickte ihn an. Im Licht des wundersamen Sterns schien das Kindlein ganz und gar aus Licht zu sein. Komm, sagte es leise, komm mein Freund, mein treuer Freund! Komm, wärme mich mit deinem Atem!

* * * * * *

 Etwa in dieser Weise könnte der Heilige Franziskus diese stille und sanfte Geschichte vom Esel aus dem Stall zu Bethlehem erzählt haben. Weil uns aber die Tiere keine Brüder und Schwestern mehr sind, ging sie im Lauf der Zeit verloren. Die ehrwürdige Gattung der Esel kommt uns mitunter sogar als Schimpfnamen gelegen, wenn wir jemand als nicht gerade sehr hell bezeichnen wollen.

In Wahrheit ist diese kleine Geschichte aber immer noch lebendig und wird von Generation zu Generation weitererzählt. Von Esel zu Esel. Und so habe auch ich sie nun getreulich wiedergegeben. I aahhh ....

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@aon.at

 

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