Die dicke Makrele


In der Epoche der Flunder (auch unter Fischen existieren Zeitabschnitte mit unterschiedlichen modischen Vorstellungen über Schönheit und Form) standen die Makrelen wegen ihrer allgemein etwas pummeli­gen Formgebung  nicht sonderlich hoch im Kurs. Andere Fischarten, vor allem die wendigen Räuber, hatten es da wesentlich leichter; sie setzten kaum Fett an und tummelten sich froh im Zeitgeist.  

Unter den Makrelen wiederum gab es nun solche, die etwas magerer als der Durchschnitt ausfielen. Die waren beispielsweise als Steckerlfische zumindest bei den Menschen recht beliebt. Andere Exemplare aber rundeten sich im Bereich ihrer Bauchfilets allzusehr und schwammen eher behäbig und beschaulich durch die Fluten. Nun, verständlicherweise hatten gerade diese letzteren es besonders schwer. Auch wenn sie von Zeit zu Zeit abspeckten, tagelang kaum Nahrung  zu sich nahmen und sich mit schrecklicher Flossengymnastik abquälten, nach wenigen Tagen hatten sie die vorherige Wasserverdrängung wieder erreicht und tümpelten traurig und verdrossen noch tiefer unterhalb der Oberfläche, als vorher. 

Eine derartig bedauernswerte Barockmakrele ging nun dennoch eines frühen Morgens (- bevor die herrschende Gesellschaft noch so richtig geschäftig wird,  wagen sich auch die weniger schönen Fische in die Nähe der Oberfläche) einem Sportangler in einem schnittigen Kajütenboot an den Haken. 

Dieser, zugegebenermaßen zumindest als Angler noch etwas blutige Amateur, freute sich beim "Anschlagen", diesmal ein besonders kapitales Tier gefangen zu haben und rief seine hübsche junge Gespielin, welche die letzte Nacht mit ihm in der Kajüte zugebracht hat, aus ebendieser nach achtern.

Schau mal, Schatz, was ich da gefangen habe, dieser Brocken allein wird für das Mittagessen heute reichen .... und dabei drillte und zog und drehte er. Schwupp, da flog sie auch schon in hohem Bogen aus dem Wasser und klatschte auf die Bordplanken. Unsere arme Barockmakrele vergaß vor Schreck zu atmen und zu zappeln blickte ganz benommen in das trockene Element. 

Igittigittigitt, ist die fett! Die schöne Freundin der Nacht ekelte sich beim bloßen Anblick der Makrele. Die ist ja dick und gänzlich ungenießbar. Und häßlich. Pfui, wie häßlich. Rasch, wirf sie wieder zurück, Raoul!

Der Angesprochene hatte keine Mühe, die runde Makrele zu ergreifen, die sich immer noch nicht rührte. Er löste sie behutsam vom Haken, nahm sie beinahe mitfühlend mit beiden Händen und warf sie in hohem Bogen ins Wasser, wo sie mit einem lauten Klatsch landete. 

Leider, rief er ihr nach, du warst zu dick, mein Schatz! Indem er sich lachend dem schönen braungebrannten Mädchen zuwandte, das sich nun in der Morgensonne  zu aalen begann, stellte er sich im gleichen Moment vor, daß die Makrele soeben heilfroh das Weite suchen würde und erstmals in ihrem Leben froh und dankbar war, nicht so mager und lecker zu sein wie die meisten anderen Fische im Wasser.....

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 

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