Der kleine Prinz und die Gottverwahrer

 

 

 Die meisten von uns haben irgendwann einmal den "Kleinen Prinzen" gelesen; viele aber nur die allgemein bekannte Fassung mit der nicht ganz vollständigen Sammlung von Planeten, die er für sich entdeckt hatte, bevor er auf der Erde landete. Auf einem dieser unbekannt gebliebenen Planeten ist der kleine Prinz auf ein Volk grauer Fische getroffen, die von Generation zu Generation in Flüssen und im Meer schwammen; auf der unablässigen Suche nach Wasser. Wahrscheinlich suchen sie heute noch, wovon sie alle gelehrt sprechen und was sie theoretisch durchaus perfekt zu postulieren verstehen....  Ein anderer Planet, den der kleine Prinz besuchte, und von welchem unsere Astronomen ebenfalls nichts wissen, besitzt einen einzigen riesigen Vulkan, der immerfort von dichten Wolken umkreist wird. Dieser war dem Kleinen Prinzen aber viel zu groß und mächtig. So machte er sich auf den Weg zu seinem eigenen Planeten mit seinen vielen vertrauten Vulkanen. Dabei kam er an unserem Erdplaneten vorbei, der so schön blau leuchtete, dass er beschloss, diesen noch zu besuchen. Vielleicht beherbergte er interessantere Bewohner als die Fische, mit denen er sich zuvor (nicht recht fruchtbringend) unterhalten hatte.

        

Der nächste Planet, den der kleine Prinz besuchte, war also die Erde. Schon bei der Annäherung stellte er fest, dass es hier Vulkane von genau der richtigen Größe gab Auf den Landmassen fielen ihm viele größere und kleinere Pickel auf. Aus der Nähe entpuppten sich die Pickel als riesenhafte Gebilde, die aus unzähligen Behausungen bestanden. Bald fielen ihm die großen Türmen auf, mit denen viele dieser Pickel ausgestattet waren. Er landete in der Nähe einer dieser Städte und mischte sich unter mehrere Menschen, die eben ein Fahrzeug bestiegen, die in das Zentrum einer solchen Stadt fuhren. Her stieg er in der Nähe des großen Gebäudes mit einem mächtig hohen Turm aus, auf welchem ganz oben ein eisernes Kreuz in den Himmel wies. Das hohe Gebäude war aus Stein gebaut und wies viele schlanke bemalte Fenster auf. Zahlreiche Erdmenschen strömten hinein und heraus. Der kleine Prinz fragte einen besonders ernsthaften Mann, der ein golden schimmerndes Kreuz an einer Kette um den Hals trug, welchen Zweck dieses Haus für diese Menschen habe. Es fiel ihm nämlich auf, dass diese allesamt sehr ernsthafte und würdige Gesichter trugen. Man sah keinen unter ihnen scherzen oder ein Liedchen trällern.

 

Der Würdige blickte ihn streng unter seinen buschigen Augenbrauen an. Wahrscheinlich missfiel ihm das unbeschwerte Aussehen des kleinen Prinzen. „Das weißt du nicht, Fremder?"  „Nein," erwiderte der kleine Prinz, „ich komme von weit her. Bei mir zuhause gibt es Vulkane und eine Rose und ein Schaf, da muss man die Rose schützen. Meine Vulkane sind aber bei weitem nicht so hoch wie dieses Haus mit dem Turm." „Vulkane können überhaupt nicht verglichen werden mit den Häusern Gottes. Das ist etwas ganz anderes, das hier ist etwas Richtiges, wie du sehen kannst!" Der weise Mann raffte schwungvoll seinen Leinenumhang mit einem Arm und betrachtete den kleinen Mann vor sich wohlwollend, etwa wie man eine exotische Blume studiert oder einen Maikäfer mit goldenen Punkten auf den Flügeln. Der kleine Prinz fuhr fort: „Auf meinem Planeten besitze ich zwei tätige Vulkane und einen erloschenen. Aber ich fege sie immer alle drei. Man kann nie wissen. Und sie sind mir alle drei gleich lieb. Aber brauchen tu ich sie nicht. Benötigt dein Gott denn diese Häuser - und fegt er sie auch so, wie ich das mit meinen Vulkanen halte?" fragte er arglos, denn er war es gewohnt, niemals auf die erschöpfende Beantwortung einer seiner Fragen zu verzichten. "Gott benötigt viele Häuser. Dies ist nicht einmal das größte und prunkvollste, gerade nur ein durchschnittliches. Wir haben ihm überall so große Häuser erbaut. Es sind die schönsten auf unserem Planeten. Weißt du nicht, dass er die Welt erschaffen hat?"

"Oh, das ist schön von ihm. Hat er auch die Sterne geschaffen?" Oh ja, auch die Sterne." Und die Rosen und die Dornen, und die Schafe und die Affenbrotbäume?" "Gott hat alles erschaffen, einfach alles." „Also, auch dieses große Haus hier?" Der kleine Prinz bekam langsam glühende Wangen. Die bekommt er immer, wenn er mehr als drei Fragen hintereinander stellt. Er sah erwartungsvoll zu dem ernsten Gesicht des würdigen Mannes auf. "Mein junger Mann, du weißt in der Tat rein gar nichts. Komm, nimm auf diesen Stufen Platz, ich werde dich lehren, dass du nicht im Stande der Unwissenheit verbleibst. Unwissende entweihen geheiligte Plätze, musst du wissen."

    Dabei ließ sich der würdevolle Mann auf den Stufen einer Statue nieder, die sich unmittelbar neben ihnen erhob. Der kleine Prinz blieb stehen. Da er um einiges kleiner war als der Weise, befanden sich ihre Augen etwa in derselben Höhe. Dann räusperte er sich bedeutungsvoll und fuhr fort: „Dieses Haus haben wir Menschen ihm erbaut, weil wir ihm dienen. Wir loben ihn außerdem und preisen ihn. Unsere besten Künstler widmen ihre ganze Kraft dem Lobpreis seiner Größe und Herrlichkeit. Das ist eine äußerst wichtige Beschäftigung."

    "Oh, das muss ihm viel Freude bereiten," jauchzte da der kleine Prinz. "Er wohnt in den großen Häusern mit den großen Fenstern, die er nicht zusammen mit der Welt erschaffen musste. Ihr kommt ihn dort besuchen und lobt ihn über den grünen Klee. Oh, ihr müsst gute Menschen sein!" "Deine Worte schmeicheln mir, junger Fremdling, wenn ich auch nicht verstehen kann, was das Lob Gottes mit Klee zu tun haben soll." Und dann strich er sich langsam über den ganzen langen Bart und setzte bedeutungsvoll hinzu: "Wir haben ihm nicht nur diese Häuser erbaut, wir loben ihn nicht nur und preisen ihn dort. Wir müssen auch auf ihn achtgeben."

    „Achtgeben?" staunte der kleine Prinz und ließ seinen Blick über den großen Platz schweifen, wo Menschen sich vor dem großen Gebäude hin und her bewegten, es betraten und es verließen. „Man muss ernsthaft fürchten, dass er sich selbst schaden könnte mit seiner Allmacht. So große Macht muss ernsthaft kontrolliert werden; er bedarf des ständigen Rates unserer Schriften und unserer Weisen." „Ihr verehrt den Schöpfer der Welten also nicht nur, ihr steht ihm auch helfend zur Seite? Das ist großartig, guter Mann. ihr müsst in der Tat sehr gute Menschen sein. Aber, sag, wie stellt ihr das an?" „Es ist in den Schriften ein für allemal festgelegt, wie die Welt regiert werden muss. Unsere besten Wissenschaftler und Gelehrten formulieren immer neue Gesetze und Formeln, wie die Welt abzulaufen hat. Das ist alles sehr sehr schwierig und bedarf überall der ernsthaftesten und klügsten Leute. Es steht auch geschrieben, wer ihn selbst verkünden darf, durch wessen Mund er geredet hat, wer seine Befehle weitergeben darf."

    „Heißt das, ihr könnt nicht alle selbst mit ihm sprechen?" Der kleine Prinz war nun sehr verwundert. Auf seinem Planeten sprach er zu jeder Zeit, wenn er wollte, mit Gott. Dies war so selbstverständlich für ihn, dass er es noch nie der Mühe wert gefunden hatte, es überhaupt zu erwähnen. „Wo denkst du denn hin, was wäre das wohl für ein Durcheinander! Es steht genau aufgezeichnet, wem er sich zeigen darf. Nein, es wäre nicht auszudenken, wenn er mit jedermann zu sprechen begänne; niemand könnte sich mehr auskennen. Was das für ein heilloses Durcheinander ergäbe!"

    „Du trägst eine wunderschöne Kette um den Hals mit einem goldenen Kreuz in einem Rahmen. ist dieses ein Zeichen für den Rahmen, mit dem alles eingeschlossen ist?" „Du beobachtest gut, junger Fremder. Es soll tatsächlich ein Fenster darstellen. Du siehst diese Fenster in ähnlichen Formen auch in jenem Gotteshaus vor uns. Fenster dienen der Verbindung von Innenräumen mit dem Freien. Einerseits fließt Licht in die Räume hinein, andererseits kann man durch sie auch von innen nach außen blicken. Unsere Schriftgelehrten sagen auch, dass dieses Fensterkreuz, wie ich eines trage, die Ordnung gleichnishaft darstellt, die Einteilung in unten und oben, in links und rechts, und dass alles immer durch einen festen Rahmen eingeschlossen werden muss." Dabei strich er wohlgefällig mit der Rechten über seinen funkelnden Anhänger.

    "Und Gott bleibt in diesem Rahmen drinnen? Er ist zufrieden, wenn er aus steinernen Häusern durch vergitterte Fenster den Himmel sehen kann und die Wolken und die Vögel ?"   

    "Oh, es ist immer jemand bei ihm. Wir achten darauf, dass er ständig verehrt und gepriesen wird. Er soll nie allein sein müssen. Auch dies wird von den Schriften genau festgelegt. Ich selbst bin einer der Wächter der Schriften!" Dabei richtete der würdevolle Mann seine Rücken im Sitzen ganz steif und senkrecht auf.

    „Ich verstehe", antwortete der kleine Prinz. Er erhob sich leichtfüßig und dankte dem Mann für seine Auskunft. Es gab nun in der Tat nichts mehr, was er ihn fragen hätte wollen. Nein, es gab doch noch etwas:

    Bevor er ihm danken und sich dann entfernen konnte, traten mehrere Leute aus dem Kirchentor hervor, die ihm auffielen, weil sie fröhlich waren und glückliche Gesichter hatten. An ihrer Spitze schritt ein festlich gekleideter Mann mit einer ganz in Weiß gekleideten jungen Frau. Sie trug ein kleines goldenes Krönchen auf dem Kopf und einen Strauß wundervoller Blumen im Arm. Der kleine Prinz war auf das Angenehmste erstaunt und stand mit offenem Mund da. Das merkte sein Gesprächspartner und erklärte ihm, dass dies ein Hochzeitspaar sei, das einander in der Kirche soeben die Treue für das ganze Leben gelobt habe. Dafür hat sie Gott ganz besonders gesegnet.  Der kleine Prinz dankte ihm für alles und war nun zufrieden mit diesem Planeten. Die glücklichen Menschen entschädigten ihn für all das, was er nicht verstand. So entfernte er sich nach herzlichen Dankesworten vom Würdigen und machte sich auf den Weg auf die große Wiese vor der Stadt, wo er gelandet war.

 

   Nein, diese Menschen sind entschieden sehr sonderbar hier, und wohl auch ihr Gott, der sich nicht sehen lässt, aber glückliche Menschen besonders segnet. Als er außerhalb der Stadtmauern angekommen war, lagerte er in einer grünen Wiese. Bienen umsummten ihn, Käfer krabbelten auf seinen Gliedern. Eigentlich wollte er sie noch etwas Wichtiges fragen, das sie ihm sicherlich besser beantwortet hätten als der weise Mann. Er redete sonst gern mit Käfern und fliegenden kleinen Wesen. Aber heute war er entschieden zu müde für jedes weitere Gespräche.

Er nahm sich vor, zuhause seinem schönsten Vulkan zu empfehlen, seine Rose zu heiraten und ihr die Treue zu geloben. Da würden sie bestimmt ganz besonders vom lieben Gott gesegnet werden. Aber sein Gefühl sagte ihm, dass sie ohnehin alle gesegnet waren. Mit wunderschönen Gedanken schlief er sanft ein und wünschte dem ganzen Erdplaneten so viel Glück, als er heute auf den Gesichtern des Brautpaars gesehen hatte.

 

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