Hänsel, Gretl und die Softwarehexe

 

Die große Hexe war am Ende ihres Lateins angekommen. Ihre kleinen Tochter kannte alle Kunststücke, auch die uralten, die sie an den langen Regentagen dieses verflixten Jahres gern wieder hervorgekramt hätte. In einer Stadt, wo nur Hexen und Hexenmeister leben, stellt es eine höchst bedenkliche Sache dar, wenn junge Töchter sich fadisieren. Wie wir am Ende dieser kleinen Geschichte sehen werden, kann hexische Langeweile in der Tat zu nicht unbedeutenden Komplikationen führen. (Eine flimmernde elektronische Fernsehkiste im Wohnzimmer, wie sie uns Heutigen samt Satellitenschüssel zur Verfügung steht, fehlt völlig, da die hexischen Republiken seit dem 16 Jahrhunderten Fernsehen kategorisch ablehnen.) 

Da der  kleinen Hexe die Zeit also allzu lange wurde, machte sie sich eines Tages auf den Weg hinaus in den tiefen dunklen Wald, um Abenteuer zu erleben. Der Hexenmeister ihres Bezirks gab ihr rasch noch seine guten Tipps und ein paar getrocknete Krötenköpfe als Wegzehrung mit auf die Reise, Mutter schloss sie in die Arme dass sie sich beinahe die langen Fingernägel abbrach ..... und so war sie aus der Hexenstadt, in der sie bisher gelebt hatte, entlassen.  

Für den Anfang benützte sie selbstverständlich ihren Kinderbesen. Kinderbesen fliegen nicht sehr schnell und nicht sehr hoch. (Kinder neigen überall zu Leichtsinn und Unbedachtheit im Verkehr.) Er brachte sie aber dennoch innerhalb des ersten Tages bereits an den Rand des großen Waldes, wo sie, den alten Hexengeschichten zufolge, unermessliche Abenteuer erwarten würden. Sie verzehrte dort einen der getrockneten Krötenköpfe des alten Meisters, seufzte einmal tief und erwartungsfroh und schlief unter einer großen Föhre ein.

In der Nacht ereignete sich nichts besonderes. Hier am Rand des Waldes lief selbst die Geisterstunde recht blass ab und bot kaum Unterhaltungswert; aber die hatte sie bereits in der Stadt nicht sehr geschätzt. Eine Sache für kleine Kinder (sie war ja immerhin schon zehn!) das mit den Totenköpfen und all dem Zinnober. 

Nächsten Tag wusch sie sich im nahe gelegenen Bach, der in den Wald hineinfloß und folgte diesem Bach dann. Es führte ein kleiner Steg daran entlang, einmal am linken, einmal am rechten Ufer. Das Wetter war schön und sie ging gern zu Fuß in dieser dunklen und düsteren Natur. Die Bäume wuchsen dort nämlich besonders hoch und dicht. Mit dem Besen wäre das also sowieso nichts gewesen. Und überdies: mit zehn hat man ja noch junge Beine!

Dennoch, auch diese jungen Beine wurden allmählich müde, je mehr Stunden sie auf ihnen unterwegs war. Abenteuer wollte sich auch keines einstellen. Nicht einmal ein Bär oder ein Tiger hatte sie bisher angefallen, an welchen sie ihren neuen Bären- und Löwensprüche ausprobieren hätte können. Nur Vögel zwitscherten in den hohen Bäumen. Nein, halt, sie hatten zu zwitschern aufgehört. 

Der kleinen Hexe fiel es ganz plötzlich auf: es war mit einem mal ganz ruhig geworden im Wald, nur das leise Murmeln des Baches hörte sie und das Knacken der trockenen Zweige, wenn sie darauf trat. Zudem wurde es langsam Abend und die Dämmerung des Waldes erschien massiver. Kühl war es obendrein geworden, so zauberte die kleine Hexe sich einen wollenen Umhang um die Schultern und setzte sich ins Moos. Der Krötenkopf mundete herrlich zum frischen Wassern, das sie aus dem Bach holte.

Ob sie sich hier bereits zur Nacht betten sollte? Die junge Hexe überlegte. So schlecht wäre die Idee an sich gar nicht. So wusch sie sich auch die Füße im Bach und lümmelte sich dann auf das Moospolster. Allerlei Gedanken begannen ihr durch den Kopf zu gehen; auch Zaubersprüche, mit denen sie sich die Zeit ein wenig vertrieb, bis es ganz finster sein würde. So ließ sie den Bach für eine Weile in die andere Richtung fließen, zauberte sich lustige Goldfische hinein, denen sie dann rote Flügel anhexte und davonfliegen ließ und derlei Kinderkram mehr. Dann wurden ihre Augen müder und müder. 

Irgendwann, so um Mitternacht herum, rüttelte sie jemand am Arm, sodaß sie erschrocken aufwachte. Wollten nun endlich die Abenteuer beginnen? Nein, es war bloß eine jüngere Frau, soweit sie im Licht einer Taschenlampe ausnehmen konnte, welche ein Mann hielt, der neben ihr stand. Der Mann sprach sie mit einer wohlklingenden Stimme an, ob sie denn nicht in ihr nahes Haus mitkommen wolle, es sei hier kühl mitten im Wald und sie könnte sich einen kräftigen Schnupfen holen. Die junge Frau wiederholte die Einladung und half ihr auf die Beine. So gingen sie zu dritt noch tiefer in den Wald hinein. Nach einer knappen halben Stunde standen sie vor einem großen dunklen Schatten. Das mußte ihr Haus sein.  

Wir heißen Hänsel und Gretl sprachen sie zur jungen Hexe. Fürchte nichts. Komm nur herein und mach es dir gemütlich. Dann plauderten sie noch ein bisschen und gingen bald zu Bett.

Die junge Hexe schlief hervorragend; besser als sie die Nacht im Wald zugebracht hätte. Am Morgen dehnte und reckte sie sich erst lang, ihr Zimmer war sehr modern eingerichtet und verfügte über jeden Komfort; ebenso das Badezimmer. Als sie hinunter in das geräumige Wohnzimmer kam, erschrak sie allerdings. Hänsel und Gretl waren bereits an der Arbeit. Sie saßen vor großen rechteckigen Kästen, welche vor ihren Augen bunte Bilder zeigten, die in rascher Folge kamen und gingen. Meist waren es Texte, manchmal aber auch Zeichnungen und unerklärliche Striche. 

Guten Morgen, ich hoffe, ich störe nicht, wagte sie ganz bescheiden auf sich aufmerksam zu machen, denn sie hatte Hunger. Oh, unser Gast. Verzeihung. Komm mit in die Küche, ich habe Frühstück für dich vorbereitet. Damit erhob Gretl sich von ihrem Bildkasten und lud sie freundlich in die Küche ein, die gleich nebenan lag.

Was, was macht ihr beiden hier, und was sind das für Kästen, sind da kleine Gnome drinnen, die euch dienen? Ich habe derlei noch nie gesehen, bekannte die junge Hexe ein. (Wir erinnern uns, in der Hexenwelt existierten keine Fernsehgeräte. Computer und Monitore, denn um solche handelte es sich hier, natürlich noch viel weniger.) 

Dann erklärte Gretl der jungen Hexe, dass sie hier, abgeschlossen von der Umwelt, an der Vereinfachung der Software eines riesigen Unternehmens arbeiteten. Man habe dort zwar wundervolle Programme entwickelt, die alle Stücke spielten, diese seien aber auch mit Fehlern behaftet und zum Leidwesen der Anwender oft allzu umfangreich und umständlich geworden. Manche belegten bereits ein halbes Gigabyte auf den Festplatten und weisen dann auch noch Bugs auf, welche die User in aller Welt erst recht verärgern. Hier hätten sie die nötige Muße und Abgeschiedenheit, um sie auf Geschwindigkeit und Genauigkeit zu optimieren. Überdies sei diese Atmosphäre der Kreativität sehr förderlich; und sieh hätten schon ganz verblüffende neue Lösungen und Abkürzungen uralter Programmroutinen entdeckt.

Die junge Hexe muß ziemlich verblüfft ausgesehen haben. Als dann noch Hänsel aus dem Arbeitsraum hereinkam, sich noch eine Tasse Kaffee einschenkte und ihr weiteren Kauderwelsch von der nämlichen Art präsentierte, da war es bei der jungen Hexe endgültig aus. Die beiden waren offenbar nicht ganz dicht. Wovon sie hier sprachen, das hatte weder Hand noch Fuß, das war nicht einmal ein Zauber. Oder war es doch etwas wie ein Zauber? Die junge Hexe ließ sich nach dem Frühstück, das sie während der wichtigsten Erklärungen der beiden verzehrte, die schon bald gemerkt hatten, dass sie damit ganz von vorn beginnen mußten, jene Bildkästen im Arbeitszimmer zeigen.

Die machten wirklich Spaß und sie reagierten sogar auf zwei oder drei Imaginationssprüche, die sie bereits in der Volksschule gelernt hatte. So ließ sie denn die lustigsten Bilder entstehen und verblüffte die beiden, als selbst auf den Schirmen erschienen und abwechselnd wundervolle Grimassen schnitten. Dann wieder ließ sie Tassen und Brote in der Luft Walzer zu chinesischer Musik tanzen, bracht lose Stromkabel zum Schlängeln und zum Züngeln, ließ Wasserfälle vor dem Fenster auf und ab rauchen und dergleichen Dinge mehr. Uiii, das machte bei den beiden Großen Eindruck ! Wie - wie machst du das, kleines Fräulein ....

Und dann erzählte die junge Hexe von ihrem Leben, und wie langweilig es geworden sei.  

Gretl merkte bald, dass sie hier eine Verbündete gefunden hatten. Nach drei Tagen emsiger Erklärungen verstand die junge Hexe in der Tat die wichtigsten Strukturen der Programme, an denen sie arbeiteten und konnte ihnen schon einige kleine Lösungen präsentieren, die schlicht gesagt erstaunlich waren. Nach einer Woche waren sie beinahe so weit, dass sie ein großes und auf der ganzen Welt bekanntes Standardprogramm für die Tabellenkalkulation wesentlich schneller gemacht und auf verblüffende Weise für den Anwender vereinfacht hatten. 

Allen dreien machte die Arbeit riesigen Spaß. Der Erfolg grenzte fast an Zauberei, oder vielmehr: er entstammte ja echter Zauberei. Am Montag wollte Hänsel die neue Version dann über das Internet an das Mutterhaus in den USA überspielen. Die würden dort schöne Augen machen! Was ihnen hier in einer einzigen Woche gelungen war, das hätten die abgefeimtesten Entwickler nicht in Monaten entdeckt. Sie dachten alle viel zu kompliziert und so waren schließlich auch ihre Programme geworden. Hänsel und Gretl malten sich die Schätze aus, die sie sich von dem Erfolgshonorar kaufen würden. Sportwagen, Haus, Auto .... und die junge Hexe, die doch so großen Anteil hatte: einen neuen Besen, sagte sie, würde sie schon brauchen können, ansonsten .... was sollte sie denn für Wünsche haben?

Den gemeinsamen Erfolg gebührend zu feiern, dagegen hatte sie freilich nichts einzuwenden. Und so wurde der Sonntag ein sehr ausgelassener Tag. Die junge Hexe zauberte Musik herbei, Kaviar, Champagner, Spaßmacher und am Nachmittag dann auch noch ein Känguru, das mit ihnen zusammen hopste und tanzte. Am Abend war dann schließlich Feuerwerk angesagt, denn das war das Lieblingskunststück der jungen Hexe, ihre "Kür" sozusagen. Das hatte ihr immer de Bewunderung ihrer Mitschüler und von ihren Lehrer die besten Noten eingetragen. 

Nun, Hänsel und Gretl staunten gleichfalls nicht schlecht, als sie nach Einbruch der Dunkelheit loslegte und es überall knallte und zischte und heulte und pfiff. So etwas an sprühenden bunten Lichtern hatten sie wirklich ihr Lebtag noch nicht gesehen und sie applaudierten immer wieder und riefen ahh und ohh.

Für unsere junge Hexe bildete die Begeisterung der beiden einen weiteren Ansporn zu noch größeren Zaubereien und bald wusste man gar nicht mehr, wo einem der Kopf stand vor lauter Farben und Feuer und Rauch und Krach. Irgendwann einmal während ihres Feuerzaubers dürfte sie den Bogen dann doch ein bisschen überspannt haben.  

Denn als sie sich am Ende sehr stolz verneigte, der Zauber beendet war und nichts mehr brennen oder zischen sollte, da loderte neben ihnen, wo das Häuschen gestanden war, eine große schöne Flamme in den dunklen Himmel und eine dicke Rauchsäule stand über dem Platz. Es knisterte vernehmlich, und in der plötzlich eintretenden Stille vernahm man hin und wieder ein Klack und ein Plopp, wenn elektronische Geräte verschmorten oder Bildschirme implodierten.

Auf diese Weise ist die große bekannte Softwareschmiede nicht in den Genuss jener verblüffenden Vereinfachungen für ihre aufwendigen Programm gekommen und die Anwender auf der ganzen Welt ärgern sich deshalb nach wie vor über die opulente Aufgeblasenheit, über die unvermeidlichen Bugs, über die mangelnde Geschwindigkeit und Übersichtlichkeit ihrer Programme.

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 

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