STERNENGESCHWISTER

 

Sternplanet Numa grüßt Gaia, die Erde.

Deine schwingende Bahn zieht Felder von Freude nach sich, Wohlklang vernehmen wir deutlich im Strom deiner Gezeiten. Wirst du bald einstimmen können in den Allklang des himmlischen Chors?
 


Gaia grüßt den ihm teuren Bruder, den Sternplanet Numa, und alle Planeten des Chors! Nie stand ich euch fern. Euer Lob hat meine Sphäre zum Blühen gebracht. Vielfältiges Leben ziert meinen Raum, doch noch verstehe ich besser zu hören, als in euren vollständig lauteren Sang schöpferisch einzustimmen.

Die Kinder auf mir, sie tollen noch kräftig, ja verletzen mitunter. Sie erforschen die Wiege genau, die ich ihnen gab, sie hämmern und bohren, zerlegen und teilen. Vermessen, was Kinderstube, in vielen eigenen Sprachen; und manche saugen mir noch an den Eutern, wollen nicht frei sein. Doch einige sind dem Drängen erkennend entwachsen und lassen schon Stürmen und Drängen. Sie öffnen die Augen. Ihr Glanz ist mir Wonne wie das wärmende Strahlen der stetigen Sonne.

Wie ich selbst liebe, so lieben sie wieder; sie zeichnen das Antlitz des Vaters meiner erziehenden Fürsorge ein. Ich verstehe durch sie das Gesetz, das mir innewohnt, tiefer. Was, wie in dumpf drängendem Werden erblühte, lehrt mich nun besser erkennen, wie die Wege auf mir führend verlaufen. Nicht nur schenken Mütter den Kindern eine wachsende Form, es beleben auch diese der Mutter Ureigenstes immer. Durch ihre Kinder erkennt sie sich selbst.

Was Wirrnis mir war- und auch heute so scheint, ist niemals wirklich unklar gewesen. Rief ich unabsichtlich Erdbeben und Springfluten herbei, indem meine Glieder sich schoben, war es Entspannung für mich. Die Wesen auf mir jedoch taten mir jedes Mal leid. Schossen mir früher viel zu viel Pickeln vulkanisch auf, so passiert dies heute nur überaus selten. Mein feuriges Innere lässt sich jedoch selbst an der lange schon ausgekühlten Oberfläche nicht völlig verleugnen. Das geht mir nicht anders, als den Menschenwesen, die auf meinen Bergen und Tälern leben.

Die Vorwärtsentwicklung der lebenden Arten verzaubert mich neu mit jedem neuen Geschöpf. Sie entsprießen alle dem einzigen Sein, das ich ehre und preise und bin.

Das genußvolle Baden im Wind meiner Sonne, auch wenn Protuberanzen und magnetische Stürme meine eigenen Felder zeitweilig zerzausen, läßt mich immer geborgen sein; in allen Wellenbereichen verwöhnt die Sonne mich ständig. Sie schenkt ihre Wärme in Fülle, sie schließt niemanden aus; selbst die schweifenden Wandergesellen kehren in periodischen Abständen wieder, sich ihrer Wärme zu freuen.

Es betrübt mich heute auch keineswegs mehr, daß ich bei manchen Planeten mehr Monde beobachte, als ich selbst jemals band. Sie allesamt können nicht halb soviel Menschen erfreuen, als der meine es jede Nacht tut, und meine Meere wiegt er tagtäglich wie auf der Schaukel ein Kind hin und her.

Mit meinen anderen Bahnverwandten leb’ ich in Frieden. Merkur, der Sonne am nächsten, scheint ganz von ihrem Feuer durchglüht; ich neide ihm nichts mehr, bin selbst mehr als erfüllt.

Mit Venus, zwischen uns beiden gelegen, flirtete ich manchmal durch ihre Wolken hindurch gerne, und tue es noch. Mars hinwiederum schätzt ernste Gespräche, wie auch der Saturn. Wir philosophieren häufig über Vergehn und Verwandlung, das Stetige und alles, was ist. Jupiter, Uranus und Neptun steuern das Ihrige bei. Nur Pluto und die anderen Kleinen, sie scheinen mir mehr schon nach anderen Sonnen zu schielen und schwierig zu sein.

Dies alles, sogar deutlicher und in ausgeprägteren Maßen, findet man nun bei den Menschen auf mir. Was immer ich außerhalb sah, das steckt auch in ihnen.

Wenn ihrer einmal alle erwacht sind, und das kann nicht mehr sehr lange dauern, rufe ich dich, Sternplanet Numa. Gern werde ich dann in den Lobgesang einstimmen, zusammen mit den Wesen auf mir, die ich bin. Schon fühle ich jene eine Stimme sich regen; und in jedem Moment erwachen Menschen zu kosmischem Leben. Die Menschen, sie besitzen nämlich die Gabe, alles in sich und um sich zu erleuchten, ihrem Wesen nach sind sie Licht wie die Sonne.

So wurde dieses Gespräch durch den Raum vorläufig beendet zwischen Gaia, der Erde, und Sternplanet Numa, welcher sich durch leichte Neigung seiner Ekliptik für diesmal verabschiedet und grüßt.

Wenn man an sehr klaren Abenden zum Himmel aufblickt, so wird mancher von uns vielleicht so etwas wie einen Nachhall erfühlen von diesem Gespräch. Denn nichts geht verloren, was Sterne mitsammen besprachen. Und wenn einem ist, als blinzelten und funkelten sie nun ein wenig heller als früher, so muß er nicht unbedingt denken, er unterliege bloß einer Täuschung, und man darf ruhig ein wenig - zurückblinzeln.

 
 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 

zurück