Der Wasserfinder

Eine Parabel


In meinen Träumen reise ich, da mir untertags die Möglichkeit dazu fehlt, weit herum und lerne viele seltsame Weltgegenden kennen. Dabei treffe ich in aller Regel auch Lebewesen an, welche diese bewohnen. Und so wie die Planeten die mannigfaltigsten Gestaltungen besitzen, zeichnen sich deren Bewohner ebenfalls durch reiche Erscheinungsvielfalt aus. Die Phantasie des normalen Tagesbewusstseins würde nicht ausreichen, sie auch nur annähernd darzustellen. Hin und wieder befinden sich darunter aber auch menschenähnliche Wesen - und über die kann man wohl schreiben. Eine Art von ihnen zum Beispiel geht sogar wie wir auf Straßen, hat Dörfer und Städte (vorzugsweise an Hänge gebaut), und wenn jemand von ihnen besonders glücklich ist, klappt er beim Gehen die Beine zur Seite.  

Das Interessanteste an der ganzen Sache scheint aber zu sein, dass ich diese Welten nicht nur beobachte, sondern zumeist einer von ihnen bin; und das in einer Weise, als hätte ich mich immer schon dort aufgehalten. Physiker sprechen von Parallelwelten, in denen wir leben. Mag sein, mag auch nicht sein. Jedenfalls lernt man, ähnlich wie bei Reisen in fremde Länder unseres eigenen Planeten, enorm viel.

Hier will ich von einem besonders merkwürdigen Planeten erzählen, wo Menschen wie du und ich leben. Was, wie ich schon erwähnte, eher die Ausnahme darstellt. Man darf auch nicht meinen, man sei dort mehr zuhause als woanders; wie die folgende Geschichte nun gleich belegen wird:   

 


 

Ich befand mich auf einem großen Gelände, das sehr trocken war und eine Art Wüste zu sein schien. Unzählige Menschen gruben mit Spaten und anderen Gerätschaften nach Wasser. Dabei hatten sich Strukturen und Hierarchien gebildet, die uns nicht einmal so fremdartig sind: Wassergrabemeister zum Beispiel, ihm zur Seite Oberwassergräber und Unterwassergräber. Es gab Zentralen, wohin  das Wenige, was an Wasser zutage gefördert wurde,  sorgfältig gesammelt und am Ende eines jeden Tages gerecht an alle verteilt wurde, die mitgegraben hatten. Trotz allem war die Arbeit nicht leicht in dem sandigen steinigen Boden. Aber immerhin: eine entwickelte Zivilisation sicherte hier das Überleben aller. Von Streit oder Unruhe bemerkte ich lange nichts.

Und zwar solange, bis einer der Mittelwassergräber in der Nähe des ihm zugeteilten Areals plötzlich nach einem heftigen Niesanfall ganz unerwartet feststellte, dass sich vor seiner Nase ein großer See mit frischem klarem Wasser ausbreitete. Er glaubte das Wunder erst gar nicht, doch es war kein Wunder. Der See war immer schon da gewesen. Nur hatte ihn keiner im Eifer der wichtigen Arbeit des Alltags wahrgenommen.

Der Mittelwassergräber kostete davon, es schmeckte rein, frisch und besser als alles Wasser, das sie dem Boden bisher abgerungen hatten. Er trank zum ersten Mal in seinem Leben, soviel ihn gelüstete. Diese Freude musste er gleich mit den anderen teilen.
Er rief laut hinaus „Wasser, Wasser, jede Menge Wasser!“, „Wasser, Wasser, ein See voll Wasser für alle! Wasser, Wasser, für alle Zeiten Wasser!“ und so weiter.  

Der Mittelwassergräber hatte gedacht, es würden nun alle im näheren Umkreis zusammenströmen, dann auch die weiter entfernt Arbeitenden – und schließlich alle seine Freunde, Kollegen und ihre Familien. Wasser für ewige Zeiten! Der See schien kein Ufer auf der anderen Seite  zu besitzen, so groß war er. Er rief noch lauter, es schien ihn aber niemand zu hören. Alle waren sie so eifrig damit beschäftigt, im sandigen Boden nach Wasser zu graben, daß sie ihn tatsächlich nicht wahrnahmen. Ebenso wenig wie sie den See wahr genommen hatten, der seit Urzeiten friedlich dort in seinen unermesslichen Ufern lag.  Er lief hinaus in die Steppe, schlug den Erstbesten auf die Schulter und erzählte ihnen von diesem wundervollen Reichtum an köstlich klarem frischen Wasser.

Die ersten verlachten ihn. Die nächsten reagierten dann schon unwirsch. Wir haben ernsthaft zu arbeiten. Wir sind ernsthafte Leute. Wir können keinen solchen Schnickschnack brauchen. Alle Welt wusste doch, dass man im Schweiß seines Angesichts sein Wasser graben muss! Und da wollte so ein Dahergelaufener..... 

Nun, bald wurden vorgesetzte Wassergrabemeister auf die Unruhe aufmerksam, die hier ein einzelner Mann verursachte. Einige gingen der Sache nach und stellten den Mann zur Rede. Er erzählte ihnen voller Begeisterung, was er entdeckt hatte, und dass das Wasser für alle Zeiten für alle von ihnen reichte. Sie schüttelten bedächtig die Köpfe. Entweder war hier einer durch den Druck der Arbeit verrückt geworden. Das kam manchmal vor und galt als normal. Oder es wollte jemand bewusst den Arbeitsprozess stören. Das wäre das schlimmste Vergehen gewesen, denn dass Wassergraben sicherte ihrer aller Überleben. Schließlich mussten ja auch noch das Gemüse und das Obst mit dem gewonnenen Nass bewässert werden. Es war ernsthafte Arbeit, wie gesagt, und kein Spaß.

Wer hat dir denn gesagt, dass es einen See voll Wasser gibt, fragten sie ihn scheinheilig, um etwaige Mittelsleute ausfindig zu machen. Man sollte einer solchen Bande, wenn es mehrere waren, so rasch als möglich das Handwerk legen. Oh, ich habe den See selbst entdeckt, ich habe getrunken! Das Wasser ist frisch und rein, wie ihr noch nie eines getrunken habt!

Nein, organisiert schien er nicht zu sein. Da aber aller Welt bekannt war, dass Wasser nur unter der Oberfläche ihres Landes vorkommt, musste er übergeschnappt sein. Man rief also nicht nach der Wassergräberpolizei, sondern den zuständigen Arzt dieses Grabdistrikts, der ihm eine Spritze verabreichte, welche ein bewährtes Beruhigungsmittel enthielt.

* * * * * 

Wie die Geschichte weiterging, weiß ich nicht, weil mein Besuch in dieser Welt abgeschlossen war. Mag sein, dass der gute Mann sich schließlich doch durchgesetzt hat und Menschen an den See führte. Vielleicht siedelten sie sich dort an den Ufern an, wurden glücklich und verwenden ihre Kraft und Energie auf andere Dinge des Lebens. Möglicherweise sogar für die schönen Künste. Es könnte aber auch sein, dass man den Mittelwassergräber in ein aufgelassenes Loch einsperrte, damit er nicht weiter Unruhe stifte - und dass er dort mit einem Griffel große Seen in die Wand einritzte. Ich weiß es nicht.   

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 

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