Die kleine weiße Wolke


Der Himmel wölbt sich groß und blau über unseren Köpfen. Alle Wolken finden hier Platz, ob sie als mächtige weiße Wolkenschiffe segeln oder als feine Schäfchen den Himmel verzieren, oder ob sie als Federwolken nur wie hingehaucht aussehen.

 Manche Wolken freilich kommen dunkel drohend daher, grau und mächtig, dicht an dicht. Manchmal drängen sie sich so eng zusammen, dass der ganze Himmel dunkelgrau wird und auf der Erde kein einziger Strahl Sonnenlicht mehr zu sehen ist. Diese dunklen Wolkengebirge können aber manchmal selbst Licht machen, für ganz kurze Momente, vor allem nach heißen Sommertagen. Wir sagen Blitz dazu und fürchten uns manchmal davor, denn diese zuckenden Himmelserscheinungen können mitunter sogar  Häuser anzünden.  

Von denen will ich aber nicht weiter fabulieren. Ich wende mich einer kleinen weißen Schäfchenwolke zu, die ich nun schon etwa zehn Minuten beobachte, wie sie ein wenig unschlüssig zwischen den großen stattlichen Wolken segelt. Aus irgendeinem Grund ist das weiße Schäfchen „meine“ kleine Wolke, und tatsächlich ähnelt sie mehr und mehr einem kleinen Schaf: mit Kopf, kleinen Ohren dran, mit angedeuteten Beinen (auch wenn es nur drei sind) und einem ganz kleinen Schwänzchen am hinteren Ende. 

Während ich ganz entspannt im weichen Gras liege, fällt mir allmählich auf, wie dieses ganz besondere Schäfchen kleiner und kleiner wird. Und auf einmal weiß ich, warum mein Schäfchen die „Magersucht“ hat: es steigt in die Höhe! Ich bin mir ganz sicher, dass es steigt! Und mir ist, wie wenn ich sogar wüsste, warum es dies will. Natürlich gibt es keine Telepathie mit Wolken und auch sonst keine Verständigung. Und dennoch verstehe ich intuitiv, warum meine kleine weiße Wolke dem Himmel zustrebt. Denn dieser Wunsch ist auch uns Menschen nicht fremd. Oder wer möchte in seinem Leben nicht manchmal höher hinaus? Wer möchte nicht weiter nach oben, wo er mehr Überblick hat und vielleicht gar den Göttern nahe ist, die man sich früher auf dem Olymp oder im Himalaya oder sonst hoch oben auf einem Berg vorgestellt hat. Irgendwie sind diese uralten Vorstellungen zumindest im Unterbewusstsein noch nicht ganz erloschen. Heißt es nicht auch in einer Ballade von Reinhard Mey „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein!“

 Nun war unsere kleine weiße Schäfchenwolke (sie ist schon wieder etwas geschrumpft) jedoch selbst eine Wolke. Wie konnte sie als Wolke wohl über jene Ebene aufsteigen, die den Wolken zugewiesen ist? Dass dies ein Widerspruch ist, leuchtete auch unserer kleinen Schäfchenwolke ein. Dennoch wollte sie das Unmögliche versuchen. Wie es auch manche Menschen mitunter versuchen, wenn sie über sich selbst hinauswachsen wollen.

 Stetig stieg mein Schäfchen in die Höhe, etwa in der Mitte zwischen zwei mächtigen Wolkengebilden, die einander am Himmel bewegungslos gegenüber standen, denn es war beinahe windstill dort oben. Ich begann, dem kleinen Ding die Daumen zu drücken. Auf unerklärliche Weise war mir, als fliege meine Seele mit dem Schäfchen und wolle mit ihm in den Himmel steigen.

Es wurde immer kälter, je höhere wir stiegen. Das Schäfchen begann zu frieren und zitterte an seinen Rändern leicht, aber es blieb dabei, dem Himmel zuzustreben. In seinem Wolkenherzen (ja, auch Wolken sind nicht ganz herzlos!) wusste das luftige kleine Wolkenschaf, dass es im Himmel ganz warm ist und dass es dort ganz weit auseinanderfließen würde, immer dünner und dünner werdend, bis niemand es mehr erspähen könnte, und es somit dann dem Himmel ganz angehörte. Seine Mutter, ein gravitätisches weißes Wolkenschiff, hatte ihm dies einmal erzählt und davor gewarnt, allzu hoch zu fliegen.

 Gut, dass Mutter schon vor einigen Tage als Regen zur Erde geflossen war. Sie würde Schäfchens Reise sicherlich nicht gutheißen. Auch einige andere große Wolken blickten etwas missmutig, als es über sie hinaufstieg und dann auf sie herniedersehen konnte, die doch so riesig waren und den Himmel über der Erde beherrschten. 

 Schon entschwand das Schäfchen allen irdischen Augen, so hoch war es gestiegen. Bald war von der Erde aus gar nichts mehr zu sehen. Ich jedoch gelangte mit meinem Schäfchen nun in lichte Weiten, wir waren unendlich fein geworden, bald füllten wir den ganzen Himmel aus. Feines Singen lag in diesem unendlichen Raum, das Licht war wie Süßigkeit. Ich verspürte ein nie gekanntes Gefühl von Heiterkeit, Glückseligkeit und Zufriedenheit mit meinem ganzen Leben.

 Mit diesen wundervollen Gefühlen begab ich mich zurück und war innerhalb weniger Sekunden wieder in meinen Körper zuhause. Das Gefühl von lichter Weite, stiller Heiterkeit und Zufriedenheit blieb jedoch bestehen. Mit einem Mal verstand ich: mein Himmel war hier auf Erden, genau in diesem Körper. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Aber vielleicht war ein Hauch von meinem himmlischen Schäfchen mitgekommen - und lebt nun in mir?

 Walter Kiesenhohfer, Juli 2013-07-10

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at

 

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