EIN WORT AUF DER REISE

 
Vor sehr langer Zeit, als die Wörter noch leibhaftig auf Erden wandelten wie heutzutage die Menschen; jung und alt, dick und dünn, gescheit und klug, schön und noch schöner .... da passierte es während einer größeren Versammlung angesehener Hauptwörter, daß sich eines von ihnen plötzlich aus dem (Papier‑)Staub machte.

So wie sich heute ein Haupt-Mann mit Orden und Dienstabzeichen schmückt, eine HauptStraße sich mit Theatern, Kinos und glitzernden Geschäftsportalen
bemerkbar macht und manchmal sogar Weltruf genießt, so waren zur damaligen Zeit nämlich die Haupt‑Wörter die allervornehmsten und würdigsten unter den Wörtern.

Und wenn sie unter sich waren, da vermeinte ein jedes von ihnen, es sei die Vornehmheit und Würde selbst.  Ja, am Ende verneigten sie sich sogar vor
ihresgleichen.
 

Es gab nur eine Ausnahme: und das war dieses eine Wort, das sich da so einfach davongemacht hat.  Ihm soll die folgende Geschichte gewidmet sein!

Übrigens, und das versteht sich fast von selbst, hatte in der Versammlung niemand sein Verschwinden bemerkt. Alle waren sie viel zu sehr mit ihrer
eigenen Vornehmheit beschäftigt gewesen und jedes einzelne von ihnen hatte so viel zu sagen gehabt, daß selbst das Verschwinden mehrerer oder gar aller anderen Wörter nicht weiter gestört hätte.

(Heute könnte man sich Versammlungen oder Diskussionen, wo jeder nur reden will, anstatt vor allem zuzuhören und zu lernen, gar nicht mehr vorstellen .... )

Zwar tauchten später, als man es für einige umfangreichere Satzkonstruktionen benötigte, einige Vermutungen Über den Verbleib unseres mutigen Wortes auf; etwas Genaueres wurde aber nie ermittelt.  Einerseits war es durch die damals gera­de in Mode gekommenen hautpwörtlich gebrauchten Eigenschaftswörter und Umstandswörter leicht zu ersetzen gewesen.  Andererseits hätte man sich gegenüber den anderen sicherlich eine Blöße gegeben, wenn man einen
Flüchtling in den eigenen Reihen einzugestehen gehabt hätte. 

Was geschah nun mit unserem Ausreißer?

Unser gutes Hauptwort genoß die Ruhe abseits der großen Bedeutungen sehr. Es beschloß, nachdem es weit genug in die Stille gezogen war, sodaß es keine Verfolger fürchten mußte, die eigene Bedeutsamkeit gänzlich abzulegen.  Es begeisterte sich an der Idee, künftig einfach als reiner Klang weiterzuleben.  Das war zwar ziemlich unerhört, aber was hat man in der Welt der Bedeutungen je wirklich gehört von Stille und Unschuld und Neubeginn?

Es gehört immer Mut dazu, etwas von seiner Bedeutung in der Welt abzulegen. Das ist so geblieben bis auf den heutigen Tag. 

Unserem Wort drohte oft der Mut zu schwinden und es durchlebte erhebende und auch angsterfüllte Zustände, bis es so weit war und es seine Bedeutung hingab.  Eine genaue Beschreibung dieses Vorganges kann ich nicht geben, weil es sehr schwie­rig ist, mit Wörtern, die alle eine bestimmte Bedeutung haben, etwas so ganz und gar Unwörtliches darzustellen .... 

Nun, es ist geschehen! Nackt und bloß steht jenes frühere Wort als reiner Klang vor uns da.  Und so wie man einem Schmetterling nicht mehr ansieht, als welche Raupe er über die Erde kroch, so sieht man auch diesem nichts mehr von irgendeinem früheren Dasein an.

 

Mächtig wölbt sich der Himmel über ihm.

Weit ist das geschäftige Treiben der ungezählten Bedeutsamkeiten
zurückgeblieben, tief unten im Tal hört man ein leises Summen als Summe von ihnen.  Unkennbar sind hier oben ihre Beziehungen, Rangstufen, ihre grammati­schen Einteilungen, ihre Ausnahmen und Regeln, ihre Lustbarkeit und ihre Schwere.

Da erhebt sich vor ihm ein Luftzug.  Ein junger Mann tritt neben den Klang hin.  Er ist aus einem blühenden Gesträuch gekommen und grüßt lächelnd durch Nicken des Kopfes.  "Du bist ein sehr schöner Klang, willkommen!"

"Oh, danke, ich......."

"Du mußt nichts erklären.  Das ist hier nicht nötig." Der Knabe war sehr schön und seine Stimme klang wie Musik.  Um ihn her glitzerte die Luft wie wenn Goldstaub von ihm ausginge.

'Ich habe einmal eine Bedeutung besessen.  Aber ich weiß nicht mehr, welche."

Unserem tapferen Wort war beim Blick jenes Knaben ein wenig unwohl
geworden.  Es kam sich sehr nackt vor und suchte daher doch noch einen Zipfel seiner früheren Bedeutung, um die Blöße etwas zu bedecken.

"Was ist, das ist, und alles was ist, ist gut.  Du mußt nichts suchen. Hier ist alles, was ist, und mehr braucht es nicht." 

"Aber, lieber goldener Knabe, braucht denn niemand meine Bedeutung ?"

Der aber ging auf dieses, unsereinem doch immerhin als Existenzfrage wichtig erscheinende, Problem gar nicht ein. 

"Nur wer ganz nackt und bloß steht, dem erst können die allerschönsten Kleider angelegt werden.  Eine Aufgabe wartet auf dich, die einen Träger von großer Reinheit braucht."

"Oh, ich weiß nicht," errötete der Klang ein wenig.  Da wird es sicher Würdigere geben unter den Klängen und mächtigere als mich..."

Aber auch auf dieses Argument ging der Knabe nicht ein.  Er fuhr fort: "Unmittelbar zu unseren Füßen liegt ein sehr schönes Tal, ein blühendes Gebiet, das hat Sonne, Mond und Sterne über sich.  Dorthin will ich Dich senden und ich will Dir für dort nun etwas ganz Besonderes anvertrauen, das ich schon lange in meinem Herzen trage.  Es hat auf dich gewartet und will nun in Schwingung versetzt werden.  Trage es als deine künftige Bedeutung und trage es in diese Welt hinein!"

Unserem Klang war, als hätte er dies alles schon einmal erlebt, ja als hätte er nur für dieses Ziel gelebt und nur dafür alles durchlebt, was hinter ihm lag.  In diesem Augenblick verstand er sich selbst und damit alle Vergangenheit und alle Zukunft und das Wesen deren Erscheinungen.  Wer sich selbst erkennt, dem bleibt nichts im Universum verborgen.  Wer seine eigenen Gedanken erkennt, der kennt alle anderen.  Wer sein eigenes Herz entdeckt, dem ist alles Liebe, es existiert nichts anderes mehr. Und so nahm unser reiner Klang wahr, daß
niemals etwas schlecht gewesen war an seinem alten Leben.  Da war ein Weg und dieser Weg war auch das Ziel, zu jedem Augenblick.
 

Er wußte nun um seine alte ‑ neue Bedeutung.  Nur der Name dafür stand noch aus.  Dieser mußte ihm vom Knaben gegeben werden.  So lauschte unser Klang, indem er völlig aufhörte und auf - hörte.

"Du wirst reiner Klang bleiben, der du bist", sprach der Knabe, "aber die Bedeutung, die du nun tragen wirst, besitzt die Essenz aller Worte des Himmels und der Erde für jenes blühende Tal.  Gehe nun hin und heiße ‑‑‑‑ MENSCH!"

Da war nun das neue Wort geboren. Es klang wunderschön hier oben und es begann zu schwingen in dem blühenden Tal, das Sonne, Mond und Sterne über sich hat. 

Für uns heutige Menschen, das muß ich zugeben, klingt diese Geschichte wun­dersam genug, vielleicht sogar ein wenig kitschig.  Und wir sehen keine Bedeutung in jener Bedeutungslosigkeit, von der die Rede war.

So kann ich es auch niemandem verdenken, wenn er mir keinen rechten Glauben schenken mag. Aber das macht nichts.  Für mich selbst ist diese Geschichte schon eher zu einem Märchen 

geworden, das man nur den Kindern er­zählen sollte.  Oder, Hand aufs Herz, wer von uns Erwachsenen kann sich wirklich noch so genau daran erinnern, wie seine Seele Mensch wurde? 

 

 

Walter Kiesenhofer, walkie@gmx.at
 

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